Theophil Wurm (1868–1953)

Evangelischer Bischof und Vertreter der Bekennenden Kirche

Theophil Wurm war eine herausragende, gleichzeitig aber auch zwiespältige Persönlichkeiten des deutschen Protestantismus in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts: Einerseits widerstand er als Gegner des Nationalsozialismus und württembergischer Landesbischof den Eingriffen des NS-Regime in den Raum der Kirche und drängte nach 1945 auf eine Reform der vormals verhängnisvoll schwachen Organisation der Evangelischen Kirche. Andererseits vertrat er – selbst Kind des Deutschen Kaiserreichs – aber auch einen protestantischen Konservatismus und Nationalismus, der ihn lange Zeit auf Kompromisskurs zur nationalsozialistischen Bewegung hielt.

Theophil Wurm wurde am 7. Dezember 1868 in Basel geboren. Er studierte Theologie und wurde Pfarrer bei der Stadtmission Stuttgart, später auch deren Leiter. Ab 1913 war er Pfarrer in Ravensburg und ab 1921 Dekan in Reutlingen. Es folgte eine steile innerkirchliche Karriere: 1927 Prälat in Heilbronn, 1929 Kirchenpräsident der württembergischen Landeskirche (ab 1933 mit dem Titel „Landesbischof“). Auch politisch war Wurm aktiv und engagierte sich in den Anfängen der Weimarer Republik unter anderem als Abgeordneter der nationalkonservativen Württembergischen Bürgerpartei, eines regionalen Ablegers der Deutschnationalen Volkspartei, im Landtag von Württemberg. Seiner nationalkonservativen Einstellung folgend deutete Wurm die „nationale Erhebung“ des Jahres 1933 zunächst noch durchaus positiv. Anfängliche Sympathien für die regimetreuen „Deutschen Christen“
wichen zunehmend dem Protest gegen die „Gleichschaltung“ der Landeskirchen. Am 22. April 1934 hielt Theophil Wurm einen Gottesdienst im Ulmer Münster, der den Anschluss seiner Landeskirche an die Bekennende Kirche markierte.

Der Eingliederung der württembergischen Landeskirche in die Reichskirche konnte sich Wurm zunächst erfolgreich widersetzen. Anfang Oktober 1934 wurde eine „Schutzhaft“ gegen ihn verhängt, er selbst wurde von seinem Amt suspendiert und musste in Hausarrest leben. In der sogenannten „Wurmrebellion“ protestierten am 21. Oktober 1934 tausende seiner Anhänger vor seinem Privathaus gegen den Putsch der Deutschen Christen. Hitler sah sich daraufhin genötigt, Wurm wieder als Landesbischof einzusetzen. Während fast alle evangelischen Landeskirchen 1933/34 Bischöfe der nazifreundlichen Deutschen Christen erhielten, blieben Württemberg, Bayern und Hannover von dieser Herrschaft verschont. Diese Landeskirchen gelten deshalb als „intakt“ geblieben.

Noch im März 1938 wies Wurm die Gemeinden in seiner Landeskirche an, mit einem Glockenläuten den „Anschluss“ Österreichs als „göttliche Fügung“ zu begrüßen. Seit Ausbruch des Zweiten Weltkriegs distanzierte sich Wurm jedoch immer deutlicher vom NS-Regime und schloss sich ab 1940 dem radikaleren Flügel der Bekennenden Kirche an. Im Juli 1940 protestierte er als erster deutscher Bischof gegen die „Euthanasie“-Verbrechen der Nationalsozialisten. 1943 verurteilte Wurm, der sich früher auch antisemitisch geäußert hatte, öffentlich die Judenverfolgung. Er hatte zudem Kontakte zur Widerstandsgruppe des Kreisauer Kreises und wurde 1944 wegen seiner offenen Proteste mit einem Schreib- und Redeverbot belegt.

Nach dem Krieg gehörte Wurm als Vertreter der Evangelischen Kirche der vorläufigen Volksvertretung von Württemberg-Baden an. Er drängte als einer der Initiatoren und Mitunterzeichner der „Stuttgarter Schulderklärung“ auf ein offenes Eingeständnis des Versagens der evangelischen Kirche im „Dritten Reich“ und trug wesentlich dazu bei, dass die Evangelische Kirche auch wieder an der weltweiten ökumenischen Zusammenarbeit teilhaben konnte. 1945 war er Mitbegründer der ersten kirchlichen Akademie in Mitteleuropa, der Evangelischen Akademie Bad Boll. Allerdings kritisierte er auch ein hartes Vorgehen der Siegermächte bei der Entnazifizierung und gehörte 1951 zu den Gründern der „Stillen Hilfe“, die verurteilte oder flüchtige NS-Täter unterstützte. Sein „Kirchliches Einigungswerk“, das er bereits 1941 noch während des Nationalsozialismus aufgebaut hatte, mündete 1945 in die Gründung der Evangelischen Kirche in Deutschland, deren Ratsvorsitz er bis 1949 übernahm. 1948 trat er als Landesbischof zurück.

Theophil Wurm starb am 28. Januar 1953 im Alter von 84 Jahren in Stuttgart.

Download der Kurzbiographie (PDF)

Anregungen zum Weiterlesen:

  • SAUTTER, Reinhold: Theophil Wurm. Sein Leben und sein Kampf. Mit einer Auswahl von Zeugnissen aus seinem Wirken, Stuttgart 1960.

  • SCHUMACHER, Karl: Theophil Wurm in den Krisen und Entscheidungen seiner Zeit,
    Bad Cannstatt 1958.

  • THIERFELDER, Jörg: Theophil Heinrich Wurm: Kirchenpräsident und Evangelischer Landesbischof in Württemberg, in: Baden-Württembergische Biographien Bd. 4, Stuttgart 2007, S. 408–411.

  • WURM, Theophil: Erinnerungen aus meinem Leben, Stuttgart 1953.

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