Else Berkmann (1904–2001)
Sozialdemokratin und Pionierin der politischen (Frauen-)Bildung

Die Biographie der schon in jungen Jahren politisch aktiven Hamburgerin Else Berkmann zeugt von ihrer Überzeugung, dass Demokratie eine Lebenshaltung ist, dass demokratische Werte in allen Lebensbereichen aktiv eingefordert werden müssen und dass die gleichberechtigte politische Teilhabe von Frauen ein notwendiger Bestandteil der Demokratie ist. Mit ihrem Einsatz in Politik und politischer Bildung wurde Else Berkmann zu einer wichtigen Wegbereiterin der Partizipation von Frauen in Baden-Württemberg.
Am 31. März 1904 wurde Else Berkmann, geb. Schlüter, in Itzehoe in ein sozialdemokratisches Elternhaus geboren. Schon früh lernte sie, dass gesellschaftliche Verhältnisse nicht als unveränderbares Schicksal hingenommen werden müssen. Nach dem Besuch einer Handelsschule trat sie mit 19 Jahren in die Hamburger SPD ein, arbeitete im Parteibüro in Altona und wurde 1932 als jüngstes Mitglied in die Hamburger Bürgerschaft gewählt. Die Machtübernahme durch die Nationalsozialisten im Jahr 1933 beendete ihre parlamentarische Arbeit abrupt. Zusammen mit ihrem späteren Mann Kurt arbeitete sie in der Illegalität für die nun verbotene SPD.
„Mitunter meine ich, ich hab' damals doch 'ne Menge Mut gehabt",
sagte sie später einmal über diese Zeit.
Nach einer kurzzeitigen Verhaftung verlor Else Berkmann im Herbst 1933 aus politischen Gründen ihre Stelle als Kontoristin in einer Kakao- und Schokoladenfabrik. Diskriminierung, der Verlust des Arbeitsplatzes, Hausdurchsuchungen, Gestapo-Verhöre und die mehrwöchige Haft ihres Mannes im Konzentrationslager Hamburg-Fuhlsbüttel vertrieben das Paar aus Hamburg über Chemnitz nach Tübingen, wo sie 1944 ankamen.
Nach Kriegsende und Befreiung vom Nationalsozialismus gründete Else Berkmann hier 1946 zusammen mit Carlo Schmid und Fritz Erler die SPD Südwürttemberg-Hohenzollern wieder. In der Nachkriegsgesellschaft setzte sie sich aber auch über ihre Partei hinaus für den Wiederaufbau des politischen Lebens ein. Ab 1947 war sie Dozentin an der neuen Tübinger Volkshochschule und übernahm 1950 deren Leitung. 1952 gründete sie dort die überparteiliche „Arbeitsgemeinschaft Tübinger Staatsbürgerinnen“, in der Frauen aller politischen Richtungen zusammenkamen. Else Berkmanns Ziel war politische Bildung für Frauen mit Vorträgen zu aktuellen Themen, Exkursionen und Kursen zum Einüben von Rhetorik und „demokratischen Spielregeln“. Unabhängig von ihrer Parteipräferenz erhielten Frauen hier das Rüstzeug, um in der Demokratie aktiv werden zu können und sich für Sitze in Gremien zu bewerben.
Zu den Kursteilnehmerinnen zählten auch einige spätere Gemeinderätinnen. Die „Tübinger Chronik“ bezeichnete die „Staatsbürgerinnen“ 1953 als „kleines Parlament der Frauen“. Else Berkmann initiierte zudem in Tübingen erstmals vor Wahlen öffentliche Befragungen von Kandidatinnen. Sie rief auch dazu auf, gezielt Frauen zu wählen. Politisch agierten die „Staatsbürgerinnen“ vor allem in Handlungsfeldern, die Frauen zugeschrieben wurden. So gründeten sie eine Kinderlesestube und kümmerten sich um Fragen der Gesundheit und Ernährung. Bundesweit bekannt wurde die bis Ende der 1960er-Jahre aktive Gruppierung durch den Kampf gegen die Düngung von Salatfeldern mit Fäkalien, die 1953 durch ein Bundesgesetz verboten wurde.
Von 1957 bis 1972 war Else Berkmann Mitglied im Vorstand der Arbeitsgemeinschaft „Der Bürger im Staat“, aus der heraus 1972 die Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg entstand. Dabei war es ihr ein großes Anliegen, dass die neue staatliche Einrichtung ihrer Verpflichtung zur Überparteilichkeit nachkommt.
1960 und 1964 errang Else Berkmann, die seit Anfang der 1950er-Jahre in Stuttgart wohnte, bei den Landtagswahlen das Direktmandat im Wahlkreis Stuttgart I. Bis 1968 gehörte sie dem baden-württembergischen Landtag an und war Mitglied im Präsidium sowie im kulturpolitischen Ausschuss und im Rechtsausschuss. Wegbegleiter erinnern sich, wie sehr sie auf der parlamentarischen Bühne mit ihrer hanseatischen Genauigkeit, intellektuellem Scharfsinn, Souveränität im Umgang mit Zahlen und Fakten sowie auch mit der Klarheit ihrer Redebeiträge beeindruckte.
Aus Protest dagegen, dass 1968 nur noch eine einzige weibliche Abgeordnete in den Landtag von Baden-Württemberg gewählt wurde, gründete Else Berkmann 1969 gemeinsam mit anderen Frauen den Landesfrauenrat Baden-Württemberg. Seit seiner Gründung macht sich dieser Dachverband für eine Reform des Landtagswahlrechts im Südwesten stark.
Auch im Alter engagierte sich Else Berkmann für die Gleichberechtigung der Geschlechter und eine größere politische Partizipation von Frauen. In ihrem langen politischen Leben nahm sie nur eine öffentliche Auszeichnung an: die Wahl zur Ehrenvorsitzenden der Arbeitsgemeinschaft Sozialdemokratischer Frauen (ASF) im Jahr 1975.
Am 30. November 2001 starb Else Berkmann im Alter von 97 Jahren in Stuttgart.
Anregungen zum Weiterlesen:
- DÖRR, Bea /SIEBERT, Ulla: Wer sich engagiert, verändert! Die Geschichte des Landesfrauenrates Baden-Württemberg, Tübingen 1997.
- HOCHREUTHER, Ina: Frauen im Parlament – Südwestdeutsche Abgeordnete von 1919 bis heute, hrsg. vom LANDTAG VON BADEN-WÜRTTEMBERG, 3. Aufl., Stuttgart 2012, S. 143–144.
- MANN, Hans-Joachim: Nachruf, in: Der Bürger im Staat, 52. Jg., Heft 1/2 2002, S. 91