Hildegard Spieth (1919–1999)
Die mutige Pfarrfrau rettete zwei Juden das Leben

Als junge Pfarrfrau hat Hildegard Spieth gegen Ende des Zweiten Weltkriegs im Frühjahr 1945 großen Mut bewiesen, als sie die Anfrage erreichte, ein untergetauchtes jüdisches Ehepaar in ihrem Pfarrhaus aufzunehmen. Nach kurzer Bedenkzeit sagte sie „Ja“ und nahm damit das Risiko auf sich, bei Entdeckung durch die Gestapo mit ihren Schutzbefohlenen ins Konzentrationslager deportiert zu werden. Die aufrichtige und natürliche Art Hildegard Spieths, in einer entscheidenden Situation unter Lebensgefahr spontan den Weg konkreter Nächstenliebe zu gehen, macht sie zu einem wichtigen Vorbild für spätere Generationen.
Hildegard Spieth, geb. Wolpert, wurde am 23. Juli 1919 in Stuttgart als einziges Kind in einem christlich geprägten Elternhaus geboren. Sie besuchte zunächst das Stuttgarter Mädchengymnasium Katharinenstift, danach eine Diakonieschule. 1941 heiratete sie den württembergischen Pfarrer Helmut Spieth, der seit 1936 als Pfarrverweser in Stetten im Remstal tätig war. Bereits 1940 war Helmut Spieth zum Kriegsdienst eingezogen worden, konnte dann aber 1941 für einige Wochen zurückkehren, um die Pfarrämter in Stetten und im benachbarten Strümpfelbach zu versorgen. In diesen Wochen fand auch die Hochzeit von Hildegard und Helmut Spieth statt.
In einem Interview erzählte Hildegard Spieth 1995: „In unserer Generation war es selbstverständlich, dass eine junge Frau, wenn sie einen Pfarrer heiratete, ihren Beruf, sofern sie schon einen hatte, aufgab. An ein Studium oder an eine Ausbildung anderweitig war nicht mehr zu denken. Es wurde erwartet, dass sie ihren Mann in seinem Beruf und in seinem Amt so gut wie möglich unterstütze.“ Nach einer fünftägigen Hochzeitsreise nach Freudenstadt zog Hildegard Spieth als junge Pfarrfrau an ihren neuen Lebensort Stetten, wo sie – wie sie selbst sagte – „mit großer Freundlichkeit und Zuneigung seitens der Gemeinde“ aufgenommen wurde.Ihre Aufgaben als Pfarrfrau schilderte Hildegard Spieth in dem erwähnten Interview: „Zunächst kümmerte ich mich mit meinem Mann zusammen um die kirchliche Jugendarbeit, damals nur mit Mädchen von der Konfirmation ab aufwärts […]. Als mein Mann wieder zur Wehrmacht, d. h. also wieder ‚ins Feld‘ musste, blieb mir allein die Aufgabe der Jugendarbeit. Und vieles andere kam dazu. Zum Beispiel die Führung der Kirchenbücher war mir übertragen, die Sorge, Pfarrer für die Gottesdienste zu finden, für Beerdigungen, Trauergottesdienste und eventuell Trauungen. Besuche bei den Angehörigen der Gefallenen und bei Kranken gehörten ebenfalls zu meinem Dienst. […] Mein Mann kämpfte mit seiner Einheit an der Westfront. Ab Oktober 1944 hatte ich ein Jahr lang von ihm nichts mehr gehört. Erst im Oktober 1945 erhielt ich die erste Post aus England, eine Karte mit 25 Wörtern. Mehr durften die Gefangenen nicht schreiben.“
Im Februar 1945 wurde Hildegard Spieth von Otto Mörike, einem Pfarrkollegen ihres Mannes, gefragt, ob sie für ein paar Tage ein untergetauchtes jüdisches Ehepaar im Stettener Pfarrhaus aufnehmen könne. Sie beriet sich mit ihren Eltern und sagte nach kurzem Zögern zu. Max und Ines Krakauer, ursprünglich aus Leipzig stammend, waren zu diesem Zeitpunkt bereits mehr als zwei Jahre auf der Flucht vor den nationalsozialistischen Verfolgern. Unter dem Decknamen „Ackermann“ fanden sie Aufnahme bei Mitgliedern der „Bekennenden Kirche“; zunächst in und um Berlin, und als dies zu gefährlich wurde, auch in Brandenburg und Pommern. Im August 1943 kamen sie nach Württemberg. Hier durchliefen sie insgesamt 44 Verstecke, zumeist Pfarrhäuser, aber auch Wohnungen von Gemeindegliedern, bis sie am 10. April 1945 zu Hildegard Spieth nach Stetten kamen. Hier erlebten sie nach einem knapp zweiwöchigen Aufenthalt am 21. April 1945 die Befreiung vom Nationalsozialismus.
Helmut Spieth kehrte 1948 aus der Kriegsgefangenschaft zurück. 1952 zog die Familie nach Fellbach, wo Hildegard Spieths Mann geschäftsführender Pfarrer an der Lutherkirche wurde. Für ihre mutige Tat erhielt Hildegard Spieth 1979 das Bundesverdienstkreuz. Bei der Verleihung des Ordens sagte sie: „Ich war damals nicht so sehr mutig (…). Nein, ich hatte auch Angst, Angst bei jedem Läuten an der Haustüre, ganz besonders am Abend. Und auch in der Nacht hat die Angst mich manchmal überfallen (…). Und es gab Situationen, da waren unsere Nerven bis zum Zerreißen gespannt. Als dann die Amerikaner als unsere Befreier kamen, da war ich dankbar, dass ich ein ganz klein wenig dazu beigetragen hatte, dass wenigstens zwei Menschen, die auch erbarmungslos vergast worden wären, das Leben behalten durften. Und darüber freue ich mich noch heute!“
Hildegard Spieth starb im Alter von 79 Jahren am 10. April 1999 in Fellbach.
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Anregungen zum Weiterlesen:
HAIGIS, Peter: Hildegard Spieth (1919–1999) – die Stettener Pfarrfrau rettete zwei Juden das Leben, in: Angela BORGSTEDT/Sibylle THELEN/Reinhold WEBER (Hrsg.): Mut bewiesen. Widerstandsbiographien aus dem Südwesten, Stuttgart 2017,
S. 249–258.HAIGIS, Peter: Sie halfen Juden. Schwäbische Pfarrhäuser im Widerstand, Stuttgart 2007.
KRAKAUER, Max: Lichter im Dunkel. Flucht und Rettung eines jüdischen Ehepaares im Dritten Reich, Stuttgart 1947 (Erstaufl.), neu hrsg. von Gerda RIEHM und Jörg THIERFELDER unter Mitarbeit von Susanne FETZER, Stuttgart 2007.
2020 wurde das Doku-Drama „Unbekannte Helden. Widerstand im Südwesten“ ausgestrahlt (Produktion: AV Medien, in Kooperation mit dem SWR; Regie: Samuel Ackermann, Bernhard Stegmann).
Links:
Filmtipp:
Dokudrama „Unbekannte Helden – Widerstand im Südwesten". SWR, 2020
Die unbekannten Heldinnen und Helden sind Menschen aus Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz, die – ähnlich wie die großen Widerständler Graf Stauffenberg, Georg Elser oder die Geschwister Scholl – todesmutig ihr Leben aufs Spiel setzten, um das nationalsozialistische Unrechtssystem und den Krieg zu beenden. Dennoch standen sie nie im Rampenlicht, sind in Vergessenheit geraten oder werden erst spät für ihr mutiges Handeln geehrt.
