Martin Elsaesser (1884–1957)

Frankfurter Bauten und moderne Kirchenarchitektur

Als Architekt und Hochschullehrer wirkte Martin Elsaesser in Frankfurt am Main, Stuttgart, Köln und München. Als Stadtbaudirektor war er maßgeblich an den Bauten des Neuen Frankfurt beteiligt. Die Frankfurter Großmarkthalle, deren Torso heute in den Neubau der Europäischen Zentralbank integriert ist, zählt zu seinen Hauptwerken. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts machte er sich bereits als Erneuerer des protestantischen Kirchenbaus in Süddeutschland verdient. Zahlreiche Entwürfe von Schulen, Kirchen und weiteren öffentlichen Gebäuden stammen von ihm.

Als zweitjüngstes von zehn Kindern wurde Martin Elsaesser als Sohn des Theologen Karl August Elsaesser und dessen Frau Marie Sofie Werner in Tübingen geboren. Als Student von Friedrich von Thiersch (1852–1921) an der Technischen Hochschule München und Theodor Fischer (1862–1938) an der TH Stuttgart legte er die Grundlage für seine nachfolgende Tätigkeit als freier Architekt in Stuttgart. Zuvor assistierte er bei Theodor Fischer, der zwischenzeitlich in München lehrte und anschließend bis 1913 bei Paul Bonatz (1877–1956) in Stuttgart.

Martin Elsaesser zum Kirchenbau:

„Helligkeit, Licht, Wohnlichkeit, schlichte Größe, das müssen die Elemente sein, aus denen die evangelische Kirche innen und außen charakterisiert wird.“

    In seiner frühen Schaffensphase war Martin Elsaesser Berater des Vereins für christliche Kunst in der evangelischen Landeskirche Württemberg und befasste sich mit rund vierzig Kirchenprojekten. Die Stadtpfarrkirche in Stuttgart-Gaisburg (1910–1913), die Dorfkirche Reicheneck im Stil englischer Fachwerkhäuser (1910) oder die Südkirche in Esslingen (1919–1925) stammen aus dieser Zeit.

      Auch sein Hauptwerk dieser Jahre, die Stuttgarter Markthalle (1911–1914), zeigt einen historisierend verkleideten Außenbau. Im Inneren hingegen herrscht die Moderne: eine funktionalistische Stahlbetonkonstruktion stützt das Gebäude und segmentbogige Träger überspannen die Innenhalle, die von einem Glasdach belichtet wird.

        Bereits in frühen Jahren gewann Martin Elsaesser mehrere Wettbewerbe. Neben jenem für die Markthalle hatte er bereits 1905 bei der Ausschreibung für die evangelische Pfarrkirche in Baden-Baden gesiegt. 1916 erhielt er mit einem traditionellen Entwurf den Zuschlag für ein als „Wilhelm-Charlotte-Heim“ geplantes Gebäude in Hanglage am Stadtrand von Urach. Dieser Entwurf konnte wegen des Ersten Weltkrieges nicht realisiert werden. Stattdessen entstand dort später das Kaufmannserholungsheim nach einem Entwurf von Adolf Schneck (1883–1971) – das heutige „Haus auf der Alb“, Tagungszentrum der Landezentrale für politische Bildung Baden-Württemberg.

        Die frühen Projekte von Martin Elsaesser standen noch unter dem Einfluss einer Reformarchitektur, die eine Balance von Tradition und Erneuerung anstrebte. Analogien zu historischen Bauformen wurden nicht nachgeahmt oder zitiert, sondern reduziert oder abstrahiert und in verschiedenen Varianten zu etwas Neuem, vor allem Zweckmäßigem transformiert. Für Elsaesser entstand Modernität durch die Konzentration auf den Zweck eines Gebäudes. Auch mit seinen Bauwerken, die später in der Frankfurter Zeit entstanden, war er ein moderner Architekt hinsichtlich seiner reflektierenden Befragung von Ort, Geschichte, Funktion oder Semantik eines Projektes. Es ging hier weniger, wie etwa bei Walter Gropius, um eine vehemente Verneinung alles Historischen als vielmehr darum, Traditionen aufzugreifen, weiterzuentwickeln und mit neuen Argumentationen glaubhaft zu machen.

        Nachdem Martin Elsaesser von 1920 bis 1925 leitender Direktor der Kunstgewerbeschule in Köln war, wurde er vom Frankfurter Bürgermeister Ludwig Landmann neben Stadtbaurat Ernst May (1886–1970) nach Frankfurt am Main berufen. Dort blieb er bis 1932 und es entstanden zahlreiche Projekte zur Neugestaltung der Großstadt. Eines seiner Hauptwerke ist die Frankfurter Großmarkthalle, deren Torso heute in den avantgardistischen Bau der Europäischen Zentralbank integriert ist. Zur Entstehungszeit 1927/28 war sie die größte ihrer Art mit Stahlbetonskelett, verglasten Längsseiten, Backsteinfassade und kathedralartigem Aufbau. Mit dem Gartenhallenbad in Frankfurt-Fechenheim schuf er einen modernen Prototyp im „International Style“ mit Flachdach und Fensterbändern.

        Von 1933 bis 1937 führte Martin Elsaesser ein Architekturbüro in München und konnte von dort aus Projekte in der Türkei realisieren wie etwa die Sümerbank in Ankara. Während der Herrschaft des Nationalsozialismus konnte Elsaesser den bereits 1930 in Hamburg-Altona gebauten Landhauskomplex für Philipp F. Reemtsma umbauen; darüber hinaus hatte er keine Aufträge. Im Mangel an Aufträgen ist wohl auch ein Grund zu sehen, weshalb 1943/44 Pläne für den Bau eines Bruckner-Symphoniehauses in Hitlers Lieblingsstadt Linz entstanden, wo auch ein „Führermuseum“ geplant war, das beschlagnahmte und angekaufte Werke sowie NS-Raubkunst zeigen sollte.

        1937 zog Elsaesser nach Berlin, wo er sich hauptsächlich mit Musik, Entwürfen künftiger Bauten im Stil seiner frühen Schaffensjahre sowie Gelegenheitsgedichten beschäftigte. Wieder zurück in Stuttgart entstanden programmatische Schriften zum Thema Städtebau und Wiederaufbau, die von einer pragmatischen Haltung geprägt waren. Von 1948 bis zu seiner Pensionierung im Jahr 1955 lehrte er an der Technischen Hochschule München. Zu seinem 70. Geburtstag wurde ihm von Theodor Heuss das Bundesverdienstkreuz verliehen.

        Martin Elsaesser starb am 5. August 1957 an den Folgen zweier Schlaganfälle und einer Lungenentzündung.


        Anregungen zum Weiterlesen:

        • Elsaesser, Thomas/Jörg Schilling/Wolfgang Sonne (Hrsg.): Martin Elsaesser. Schriften, Sulgen 2014.
        • Elsaesser, Thomas/Gräwe, Christina/ Schilling, Jörg/Schmal, Peter Cachola (Hrsg.): Martin Elsaesser und das Neue Frankfurt, Tübingen 2009.
        • Erne, Thomas (Hrsg.): Martin Elsaesser und der moderne Kirchenbau heute, Marburg 2014.
        • Schilling, Jörg (Hrsg.): Bauaufgaben der modernen Großstadt, Salenstein 2013.
        • Sohn, Elke (Hrsg.): Martin Elsaesser. Fünf Bauten in Württemberg, Stuttgart 2014.
        • Spitzbart, Elisabeth/Schilling, Jörg: Martin Elsaesser. Kirchenbauten, Pfarr- und Gemeindehäuser, Tübingen 2014.

        Links:

        Martin-Elsaesser-Stiftung

        archINFORM: Martin Elsaesser

        Autorin: Jutta Fischer, Metzingen / Aufbereitung für das Netz: Internetredaktion der LpB

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