Hans Scharoun (1893–1972)
Organische Baukunst

„Ein Architekt soll sich nicht von Sensationen, sondern von Reflexionen leiten lassen.“
Der Name des Architekten Hans Scharoun ist eng verbunden mit dem Begriff der „organischen Baukunst“. Als Baumeister der Stuttgarter Weissenhofsiedlung gehörte er zur Generation des „Neuen Bauens“. Er gestaltete allerdings nicht nach streng geometrischen Formen und blieb unbeeindruckt von funktionalen Konstruktionsweisen. Elemente der Schiffs- und Hafenarchitektur seiner norddeutschen Heimat finden sich in zahlreichen Bauten. Zu seinen prägnantesten Werken gehören die Berliner Philharmonie und die Staatsbibliothek am Potsdamer Platz. Auch im Stuttgart der Nachkriegszeit finden sich einige seiner Bauten, so etwa die Wohnhausgruppe „Romeo und Julia“ in Zuffenhausen.
Als Sohn eines Bremer Ehepaares – der Vater war Brauereibesitzer – wurde Hans Scharoun am 20. September 1893 geboren. Der Name Scharoun leitet sich vom böhmischen Saraun ab und wurde der Aussprache angepasst. Sein Urgroßvater war Anfang des 19. Jahrhunderts nach Deutschland ausgewandert. Seine beiden Brüder fielen im Ersten Weltkrieg; er selbst konnte 1912 kurz nach dem Tod des Vaters am Humanistischen Gymnasium in Bremerhaven das Abitur absolvieren. Bereits in jungen Jahren zeigten sich eine außergewöhnliche zeichnerische Begabung und ein großes Interesse am Bauen, was durch die benachbarte, geistig aufgeschlossene Familie des Architekten Georg Hoffmeyer unterstützt wurde. Es folgten bis 1914 Studienjahre der Architektur an der Technischen Hochschule Berlin-Charlottenburg.

Während des Ersten Weltkrieges wurde er von seinem Mentor und Freund Paul Kruchen (1871–1947) aus dem Studium heraus zu einem Militärbaukommando zum Wiederaufbau Ostpreußens nach Gumbinnen abbestellt, wo Wachtürme und Befestigungen für Kriegsgefangenenlager gebaut wurden.
Nachdem er sein Studium nach dem Krieg nicht wie gewünscht in der Oberstufe fortsetzen konnte, kehrte Hans Scharoun nach Ostpreußen zurück und übernahm das ehemals staatliche Büro als freier Architekt. Er wurde Mitglied der von Bruno Taut (1880–1938) angeregten Vereinigung „Gläserne Kette“ (1919–1920), in der Architekten, Künstler und Kritiker in utopisch-expressionistischen Entwürfen im „Utopischen Briefwechsel“ über die Architektur der Zukunft nachdachten. In seinen zeichnerischen Beiträgen kommen seine weichen, gewachsenen Gebäudestrukturen zum Ausdruck und in den Schriften die Aufbruchsstimmung der Zeit:
„Nicht von Wegen wollen wir reden, sondern [uns] buntfarbigen Möglichkeiten hingeben, Phantasie – Askese – ausstrahlen lassen. Nicht suchend, sondern stürmend, nicht einen Weg zum Ziel, sondern das Zielall wollen. Unendlichkeit ist nicht außer uns, kein Stern, den wir zur Erde hinabzwingen können, sondern – zartfunkig – jeder Regung der Phantasie des Künstlers innewohnend.“
In dieser Zeit knüpfte Hans Scharoun Freundschaften zu Walter Gropius (1883?1969), Ludwig Mies van der Rohe (1886?1969) und Hugo Häring (1882?1958), dem Vertreter des „organhaften“ Bauens. 1920 heiratete er Anne Marie, die Tochter des befreundeten Ehepaars Hoffmeyer. Mit Wettbewerbsbeiträgen, unter anderem für den Postneubau in Bremen oder den Brückenkopf in Köln, fand er in den kommenden Jahren zu eigenständigen Lösungen, denen die Analyse des Umfelds und die Berücksichtigung funktionaler Aspekte des Bauens vorausgingen. Er beschäftigte sich mit allen die Großstadt betreffenden Bauaufgaben vom Städtebau und Verkehr über Verwaltungsbauten bis zu Museen. Nachdem er 1925 auf den Lehrstuhl für Kunstgewerbe an der Kunstakademie in Breslau berufen wurde, wurde er zugleich in Berlin tätig und führte dort mit Adolf Rading (1888?1957) und Paul Kruchen (1871–1947) ein Büro.

Hans Scharoun trat der avantgardistischen Architektenvereinigung „Der Ring“ bei und wurde Mitglied des Deutschen Werkbundes. Vom „Neuen Bauen“ inspiriert, interessierte ihn vor allem das Wohnen für den Typ des Großstadtmenschen. Zwischen 1928 und 1930 entstanden das Wohn- und Ledigenheim in Breslau sowie die Junggesellenhäuser und die Großsiedlung Siemensstadt in Berlin. Die ersten Ideen für ein Einfamilienhaus entstanden 1927 mit dem Musterhaus für die Werkbundausstellung „Die Wohnung“ auf dem Stuttgarter Weissenhof. Im Gegensatz zum klaren Grundriss des Gebäudes erscheint die äußere Form ? entsprechend seinen Vorstellungen vom Organischen ? frei aufgelöst ohne geometrische oder axiale Faktoren. Die Süd- und Nordseiten sind plastisch geformt und im Eingangsbereich schraubt sich ein spiralförmiges Treppenhaus nach oben; der Balkon erinnert an ein Schiffsdeck mit Reling.

Nachdem die Kunstakademie in Breslau 1932 aus finanziellen Gründen geschlossen wurde, zog Hans Scharoun endgültig nach Berlin. Während des „Dritten Reiches“ realisierte er als Architekt des „Neuen Bauens“ vor allem Privathäuser. Die Aufträge nahmen zu und in dieser Zeit entstanden einige Wohnhäuser, die im äußeren Erscheinungsbild der Formensprache des nationalsozialistischen Bauens unterlagen. So wurde Offenheit durch Abschirmung ersetzt und auch Aquarelle und Zeichnungen, die ab 1940 entstanden, verzichteten nicht auf den Monumentalismus nationalsozialistischer Architekturvorstellungen. Rückblickend äußerte sich Hans Scharoun zu den Zeichnungen und Aquarellen aus dieser Zeit folgendermaßen:
„Sie entstanden aus Selbsterhaltungstrieb und auch aus dem Zwange, sich mit der Frage nach der kommenden Gestalt auseinanderzusetzen.“
Wie alle arbeitsfähigen Architekten wurde Hans Scharoun nach dem Zweiten Weltkrieg für den Wiederaufbau der Städte gebraucht. Er wirkte nun in zahlreichen verantwortungsvollen Positionen. 1945 wurde er der erste Stadtbaurat Berlins und zwei Jahre später Ordinarius für Städtebau an der Technischen Universität in Berlin. 1948 wurde er Direktor des neugegründeten Instituts für Bauwesen an der Akademie der Wissenschaften. Die Arbeit war getragen vom Leitbild einer „Stadtlandschaft“ als Vision von sozialer und räumlicher Neuordnung. Die utopischen Entwürfe früher Jahre fanden in der von Pragmatismus bestimmten Aufbauzeit allerdings ihr Ende. Nach Gründung der DDR legte er den Schwerpunkt auf die Lehre an der Technischen Universität in West-Berlin. Er war zudem an der 1954 neu gegründeten Akademie der Künste beteiligt und wurde von 1956 bis 1968 deren erster Nachkriegspräsident.
Zahlreiche Bauten der Nachkriegsjahre zeichneten sich durch das Bemühen um eine demokratische Architektur aus, wie sie im „Darmstädter Gespräch“ 1951 diskutiert wurde. So wurde das Staatstheater in Kassel 1953 als Anordnung von Orten, Wegen und Plätzen konzipiert. Nie sollte der Eindruck des „toten Raumes“ aufkommen – ein Aspekt der schon 1949 beim Wettbewerbsentwurf der Stuttgarter Liederhalle ausschlaggebend war.

In Stuttgart entstanden zwischen 1954 und 1971 auch die Wohnhochhäuser „Romeo und Julia“, deren Konzeption Gedanken über das Verhältnis von Individuum und Gesellschaft zugrunde lagen. Scharouns Meisterentwurf der Berliner Philharmonie entstand schließlich zwischen 1957 und 1963.

In seinem letzten Lebensjahrzehnt erhielt Hans Scharoun zahlreiche Auszeichnungen und Preise, nicht zuletzt 1959 das Bundesverdienstkreuz. Er gilt heute als „Großmeister einer zeitlosen Organik“ und bietet zahlreichen Architekten wertvolle Anregungen. Er verband in seinem Schaffen Ortsbezogenheit, Individualität, soziales Anliegen und architektonische Kreativität.
Hans Scharoun starb am 25. November 1972 in Berlin.
Anregungen zum Weiterlesen:
Bürkle, J. Christoph: Hans Scharoun, Zürich 1993.
Krohn, Carsten: Hans Scharoun. Bauten und Projekte, Basel 2018.
Nierhoff-Wielk, Barbara/Wöldicke, Evelyn (Hrsg.): Frank Gehry, Hans Scharoun. Strong Resonances, Zusammenklänge, München 2018.
Syring, Eberhard: Raumerlebnis und Erlebnisraum, Dissertation, Bremen 1999.
Wang, Wilfried/Sylvester Daniel E.: Philharmonie. Hans Scharoun, Tübingen 2013.
Links:
- Deutsche Biografie: Hans Scharoun
- Hans Scharoun – Vertreter der organischen Architektur. Deutschlandfunk, 20.9. 2018,
- Technische Universität Berlin: Hans Scharoun – Architekt des Neuen Bauens
Filmtipp:
Vor 125 Jahren geboren. Hans Scharoun – Vertreter der organischen Architektur (YouTube)
Autorin: Jutta Fischer, Metzingen / Aufbereitung für das Netz: Internetredaktion der LpB
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