Hannes Meyer (1889–1954)

Der „unbekannte Bauhaus-Direktor": Neue Wege im sozialen Wohnungsbau

Hannes Meyer war ein Schweizer Architekt von internationalem Rang, der vor allem durch seine Tätigkeit als Direktor des Dessauer Bauhauses bekannt wurde. Er betonte die soziale und kollektive Aufgabe der Architektur und Stadtplanung bei Anwendung wissenschaftlicher Methoden. Er trat insbesondere mit Gebäuden des sozialen und gewerkschaftlichen Wohnungsbaus hervor. Gemeinsam mit dem Architekten Hans Wittwer (1894–1952) erbaute er die Bundesschule des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes in Bernau bei Berlin.

    Hannes Meyer wurde 1889 in Basel geboren und stammte aus einer kleinbürgerlichen Familie. Der frühe Tod des Vaters, ein Architekt und Baumeister, sowie die Krankheit der Mutter prägten seine Kindheit und Jugendzeit. Er wuchs in einem christlich geprägten bürgerlichen Waisenhaus der Stadt Basel auf. „Ich lernte aus Verzweiflung und wurde Klassenprimus“, äußerte er rückblickend. Er wurde mit bürgerlichen Kulturtraditionen vertraut gemacht und konnte sich die Grundlagen des Tischlerhandwerks aneignen. Die Frage nach der Berufswahl konnte er schon früh beantworten: „Architekt – Missionar – Lehrer“. Ab 1905 folgte eine dreijährige Lehrzeit zum Maurer, Bauzeichner und Bauführer im Basler Baugeschäft und Architekturbüro „Gebrüder Stamm“. Bei harter zwölfstündiger Arbeit konnte er wichtige Erfahrungen mit der praktischen Arbeit am Bau sammeln. Anschließend besuchte er die allgemeine Gewerbeschule Basel, wo er Kurse im Fachzeichnen für Bauhandwerker und Schreiner belegte. In diesen Jahren kam er mit der Arbeiterbewegung in Kontakt und erlebte Streikende. So berichtete er über seine Begegnung mit italienischen Arbeitern:

    Ich hatte mein Studium [Gewerbeschule] unterbrochen, um die ganze Woche als Maurer zu arbeiten, und verbrachte so mehrere Jahre unter Hunderten von italienischen Maurern bei einem zwölfstündigen Arbeitstag. Alle diese italienischen Arbeiter waren durch die schlechten Lebensbedingungen in ihrer Heimat gezwungen, jedes Jahr auf der Suche nach Arbeit nach dem Norden Europas auszuwandern und ihr Heim 9 bis 10 Monate zu verlassen.

     

    Von 1909 bis 1912 arbeitete Meyer als Architekt in Berlin. Hier erwarb er die erforderlichen Befähigungen für eine selbständige Architektentätigkeit. So arbeitete er im Büro des Schweizer Architekten Albert Froelich (1876 –1953) und im „Atelier für Architektur und Kunstgewerbe“ von Johann Emil Schaudt (1871 –1957). Zugleich belegte er zahlreiche Kurse in der Kunstgewerbe- und Handwerkerschule, etwa über Stil-Lehre oder über Ökonomie und Bodenreform an der Königlichen Landwirtschaftlichen Hochschule. Es folgten ein Studienaufenthalt in England, eine kurze Phase selbständiger Architektentätigkeit in Basel sowie eine längere Dienstzeit während des Ersten Weltkriegs bei der Schweizer Armee. Als Ressortchef in der Bauverwaltung bei der Firma Krupp in Essen projektierte er eine Siedlung für die Arbeiter der Germaniawerft in Kiel-Gaarden sowie städtische Beamtenwohnungen für die Siedlung Kaupenhöhe. Der Ausgang des Weltkriegs beendete die Tätigkeit Meyers in Deutschland. Er kehrte in die Schweiz zurück, schloss sich der Bodenreform- und Genossenschaftsbewegung an und baute die Mustersiedlung Freidorf bei Basel (1919 –1921).

      Als Vertreter des „Neuen Bauens“ entwickelte er in der zweiten Hälfte der 1920er Jahre vielbeachtete Entwürfe. So entwarf er gemeinsam mit Hans Wittwer (1894–1952) Pläne für die Petersschule in Basel oder den Völkerbundpalast in Genf. 1928 bis 1930 entstand während seiner Tätigkeit als Direktor des Dessauer Bauhauses die Bundesschule für den Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbund in Bernau: ein Gebäude mit charakteristischem gläsernen Verbindungsgang. Die Schule wurde ein Musterbeispiel für moderne Wohnkultur, die Elemente der Schulung und Erholung zugleich aufgriff.

        Hannes Meyer führte wesentliche Neuerungen am Dessauer Bauhaus durch. So entwickelte sich die Reformschule unter seiner Leitung zur ursprünglich anvisierten Architekturschule. Die Produkte der Werkstätten entstanden unter dem Motto „Volksbedarf statt Luxusbedarf“. Preisgünstige, praktische Gegenstände wurden für sozial schwächere Zielgruppen entwickelt und vermarktet. Es entstanden Produkte aus günstigem Sperrholz, die nach einem variablen Stecksystem zerlegbar waren. Standardisierung und Typisierung sollte über den kapitalistischen Markt erfolgen und durch genossenschaftliche Strukturen harmonisiert werden. Hannes Meyer sah Bauen als soziale, technische, ökonomische und psychische Organisation, womit eine Verwissenschaftlichung des Faches einherging: Besonnungsdiagramme, Lichtkurven, Wirtschaftlichkeitsberechnungen oder Materialkoeffizienten bereicherten seine Architekturlehre.

        1930 verließ Hannes Meyer das Bauhaus, um bis 1934 in Russland zu arbeiten. In leitenden Funktionen bearbeitete er einen der Vorentwürfe zur Generalplanung Moskaus und war beteiligt an der Stadt- und Gebietsplanung im Ural, in Sibirien und im „Fernen Osten". Nur teilweise wurden seine Projekte und Planungen verwirklicht. Zudem lehrte er an der Moskauer Architekturhochschule. Nach einem kurzen Aufenthalt in der Schweizer Heimat ging Meyer nach Mexiko City, um dort die Leitung der Städteplanung zu übernehmen. 1949 kehrte er zurück in die Schweiz, schloss sich den Architektengruppen „CIAM“ (Internationale Kongresse Moderner Architektur) und „Der Ring“ an und beschäftigte sich besonders mit Architekturtheorie.

        Hannes Meyer starb am 19.Juli 1954 in dem kleinen Dorf Crocifisso im Tessin.


        Anregungen zum Weiterlesen:

        • Meyer, Thomas/Strob, Florian: Bauhaus Dessau. Architektur, München 2019.

        • Nerdinger, Winfried. Das Bauhaus. Werkstatt der Moderne, München 2018.

        • Oswalt, Philipp (Hrsg.): Hannes Meyers neue Bauhauslehre.Von Dessau nach Mexiko, Basel 2019.

        • Vogler, Angelika (Red.): Hannes Meyer. Beiträge zum 100. Geburtstag 1989, Arnstadt 1990.

        • Winkler, Klaus-Jürgen: Der Architekt Hannes Meyer. Anschauungen und Werk, Berlin 1989.


        Links:


        Filmtipp:

        Hannes Meyer – der vergessene Direktor | 100 Jahre Bauhaus | SRF Kultur (YouTube)

        Autorin: Jutta Fischer, Metzingen / Aufbereitung für das Netz: Internetredaktion der LpB

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