Inge Aicher-Scholl (1917–1998)
Erwachsenenbildnerin, Autorin, politische Aktivistin

Inge Aicher-Scholl prägte über Jahrzehnte in der Bundesrepublik die Erinnerung an die „Weiße Rose“, insbesondere an ihre 1943 hingerichteten Geschwister Hans und Sophie Scholl.
Zur Biografie über Hans und Sophie Scholl
„Im Geiste der Gemordeten“ gründete sie mit ihrem späteren Ehemann Otl Aicher 1946 die Ulmer Volkshochschule und 1953 die Hochschule für Gestaltung in Ulm. Sie schuf damit wegweisende Bildungseinrichtungen, die sich nach der Befreiung vom Nationalsozialismus dem Aufbau der Demokratie verpflichtet fühlten und emanzipatorische Maßstäbe setzten. Als politische Aktivistin engagierte sie sich auch in der Friedensbewegung und gegen die atomare Aufrüstung in den 1980er-Jahren.
Inge Scholl wurde am 11. August 1917 in Ingersheim bei Crailsheim geboren. 1930 zog die Familie nach Ludwigsburg, 1932 nach Ulm. Hier eröffnete ihr Vater Robert ein Steuer- und Wirtschaftsprüferbüro, in dem Inge nach der Mittleren Reife ab 1934 mitarbeitete. Inge hatte vier jüngere Geschwister: Hans, Elisabeth, Sophie und Werner. Die Mutter Magdalene, bis zur Heirat eine evangelische Diakonisse, sorgte für ein glückliches Familienleben. Während des Nationalsozialismus waren alle Scholl-Geschwister in der Hitler-Jugend (HJ) bzw. im Bund Deutscher Mädel (BDM) in leitenden Positionen aktiv.
Bereits 1936/37 distanzierten sie sich jedoch innerlich von den NS-Jugendverbänden. Die Quittung dafür bekamen Inge, Hans und Werner 1937, als sie wegen sogenannter „bündischer Umtriebe“ inhaftiert wurden. Inge und Werner wurden zwar rasch wieder entlassen, doch ihr Bruch mit dem NS-Staat war vollzogen. Statt an „Führer“ und „Bewegung“ orientierte Inge sich jetzt an den liberalen und christlichen Werten ihres Vaters. Anfang der 1940er-Jahre lebte sie als einzige noch bei den Eltern in Ulm und fand in Otl Aicher einen wichtigen Wegbegleiter, der sie zum Katholizismus führte. Ihr Glaube sollte später eine große Stütze für sie sein.
Ohne Wissen der Familie organisierten Hans und Sophie Scholl während ihres Studiums in München geheime Flugblattaktionen gegen das NS-Regime. Als sie am 18. Februar 1943 das sechste Flugblatt der „Weißen Rose“ in den Lichthof der Münchner Universität hinunterflattern ließen, wurden sie beobachtet und sofort verhaftet. Die Eltern reisten am 22. Februar nach München zum Prozess, der mit dem Todesurteil endete. Inge wollte ihre Geschwister einen Tag später besuchen und erfuhr in München, dass Hans und Sophie bereits hingerichtet worden waren. Die Familie wurde in „Sippenhaft“ genommen. Inge begann nun, Notizen zum Leben von Hans und Sophie zu machen, um deren Geschichte für die Nachwelt zu bewahren. Im1952 erschienenen Buch „Die weiße Rose“ rückte sie die beiden ins Zentrum der Widerstandsgruppe. Die Publikation wurde ein Welterfolg. Zeit ihres Lebens verteidigte Inge Aicher-Scholl erfolgreich die Deutungsho-heit über die Geschichte der „Weißen Rose“.
Am 24. April 1946 gründete Inge Scholl die Ulmer Volkshochschule, die sie bis 1974 leitete. Gemeinsam mit Otl Aicher, den sie 1952 heiratete, entwickelte sie hier eine Schule der Demokratie. Dank ihres Bezugs zur „Weißen Rose“, mit Organisationsgeschick und Willensstärke gewann sie namhafte Politiker und Intellektuelle für Vorträge. Bis in die 1970er-Jahre galt die „vh“ als geistiger Mittelpunkt Ulms. 1968 bezog sie das Einstein-Haus, ein transparenter Neubau im Herzen der Stadt, für den Inge Aicher-Scholl lange gekämpft hatte.
1953 gründeten sie und Otl Aicher mit dem Gründungsrektor Max Bill die Hochschule für Gestaltung Ulm, die bis 1968 bestehende, international bedeutendste Design-Hochschule nach dem Bauhaus. Inge Aicher-Scholl war vor allem bei der Startfinanzierung erfolgreich. Auf Fundraising-Tour in den USA schaffte sie es sogar auf das Cover des Magazins „Newsweek“, denn sie galt dort als Hoffnungsträgerin für ein demokratisches Deutschland. Inge Aicher-Scholl war aber auch zivilgesellschaftliche Aktivistin und gehörte bereits 1960 zu den Gründern der „Lebenshilfe für das geistig behinderte Kind“ Ulm/Neu-Ulm. In den 1970er-Jahren unterstützte sie die Gründung der KZ-Gedenkstätte „Dokumentationszentrum Oberer Kuhberg“ in Ulm. 1987 gehörte sie zu den Gründungsmitgliedern der „Weiße Rose Stiftung e. V.“ in München. Mit ihrem Mann beteiligte sie sich am 22. Oktober 1983 auch an der Menschenkette von Stuttgart bis Neu-Ulm, mit der Hunderttausende gegen die Stationierung atomarer Mittelstreckenraketen in der Bundesrepublik protestierten.
1972 war die inzwischen sechsköpfige Familie Aicher-Scholl in die Rotis-Mühle bei Leutkirch gezogen. 1975 traf Inge Aicher-Scholl, die in der NS-Zeit drei Geschwister verloren hatte (Bruder Werner war nicht aus dem Krieg zurückgekehrt), ein weiterer Schicksalsschlag: Ihre Tochter Pia kam bei einem Verkehrsunfall ums Leben. Der Unfalltod ihres Mannes 1991 überschattete ihre letzten Lebensjahre, die sie einem Buchprojekt über ihre mit dem Down-Syndrom geborene Tochter Eva und dem Nachlass von Hans und Sophie und Otl Aicher widmete. 1997 ehrte die Stadt Ulm sie mit der Ehrenbürgerschaft.
Inge Aicher-Scholl starb am 4. September 1998 im Alter von 81 Jahren in Leutkirch.
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Anregungen zum Weiterlesen:
- AICHER-SCHOLL, Inge: Eva. Weil Du bei mir bist, bin ich nicht allein, Riedhausen 1996.
- ABELE-AICHER, Christine (Hrsg.): Die sanfte Gewalt. Erinnerungen an Inge Aicher-Scholl, Ulm 2012.
- HIKEL, Christine: Sophies Schwester, Inge Scholl und die Weiße Rose, München 2013.
- SCHOLL, Inge: Die weiße Rose, Frankfurt/M. 1952.
- SCHÜLER, Barbara: Von der Weißen Rose zur Eule der Weisheit. Die Anfänge der Ulmer Volkshochschule, Ulm 1996.
- SCHÜLER, Barbara: „Im Geiste der Gemordeten …“. Die „Weiße Rose“ und ihre Wirkung in der Nachkriegszeit, Paderborn 2000.