Gertrud Luckner (1900–1995)
Christliche Pazifistin im Widerstand

Als Christin, Pazifistin und Anwältin der Völkerverständigung erkannte Gertrud Luckner früh die Menschenverachtung des NS-Regimes. Während des „Dritten Reiches“ unterstützte sie jüdische Verfolgte, rettete dank internationaler Kontakte viele Menschenleben und unterstützte ungezählte Deportierte. Nur knapp überlebte sie die Haft im Konzentrationslager Ravensbrück und engagierte sich nach 1945 im christlich-jüdischen Dialog.
Am 26. September 1900 als Jane Hartmann in Liverpool geboren, kam Gertrud Luckner als Sechsjährige nach Deutschland. Später wurde sie von ihren Pflegeltern adoptiert. Zeitlebens blieb sie ihrem Geburtsland verbunden und behielt neben der deutschen auch die britische Staatsbürgerschaft. Aufgrund von Krankheit und Krieg konnte Gertrud Luckner erst mit 25 Jahren das Abitur ablegen und begann in Königsberg das Studium der Volkswirtschaft. Im Rahmen eines Studienaufenthalts in England kam die sozial engagierte junge Frau in engen Kontakt mit den Quäkern, einer pazifistisch orientierten christlichen Gemeinschaft. Gertrud Luckner schloss ihr Studium in Frankfurt am Main ab und nutzte einen weiteren Englandaufenthalt zu Recherchen für ihre Doktorarbeit zur Selbsthilfebewegung von Arbeitslosen in Großbritannien. 1931 kam Gertrud Luckner als Diplom-Volkswirtin nach Freiburg. Hier verband sie beim Zweitstudium der Caritaswissenschaft ihr wissenschaftliches Interesse mit praktischer sozialer Arbeit. Sie konvertierte zum Katholizismus und schloss sich – konfrontiert mit dem aufkommenden Nationalsozialismus – dem „Friedensbund Deutscher Katholiken“ an. 1932 gründete sie einen „English Club“ für Abiturienten und setzte damit dem wachsenden völkischen Gedankengut die Idee der Völkerverständigung entgegen.
Die menschenverachtende Ideologie der Nationalsozialisten war ihr von Anfang an zutiefst zuwider. Direkt nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten begann Luckner, Verfolgte zu unterstützen und ihnen mithilfe internationaler Kontakte die Flucht aus Nazi-Deutschland zu ermöglichen. Jungen Frauen verschaffte sie durch eine Au-pair-Stelle die Aufenthaltsgenehmigung in England. Für jüdische Kinder fand sie Pflegeeltern im Ausland und britische Schwarzwaldurlauber setzte sie für Kurierdienste ein. Luckner arbeitete mit den Hilfsstellen der Kirchen zusammen, die getaufte Juden unterstützten, aber sie engagierte sich vor allem auch für Jüdinnen und Juden, die nicht konvertiert waren. Ihren Lebensunterhalt bestritt Gertrud Luckner anfangs als Werkstudentin und erhielt nach Abschluss ihrer Promotion 1938 eine Stelle in der Freiburger Caritaszentrale. Ging es in ihrer Arbeit zunächst nicht um die Unterstützung von Verfolgten, wechselte sie mit dem Beginn des Zweiten Weltkriegs in die „Kirchliche Kriegshilfsstelle“. Dort betreute sie unter anderem in Deutschland internierte ausländische Kriegsgefangene.
Nach Beginn der Deportationen der jüdischen Bevölkerung baute Gertrud Luckner ein Netz von Helferinnen und Helfern auf und transportierte Geld- und Sachmittel zu einer Vielzahl verfolgter Juden. Da dem Caritasverband die Unterstützung von „Nichtariern“ untersagt war, arbeitete sie unter dem Dach des Erzbischöflichen Ordinariats. So konnte sie Informationen sammeln, Verstecke organisieren und Hilfswege ins Ausland ebnen. Als „Grenzgängerin“ half sie Verfolgten bei der Flucht in die Schweiz. Dabei, so Gertrud Luckner später bescheiden, „halfen die mannigfaltigen Beziehungen und Kontakte mit den verschiedensten Kreisen der Verfolgten und deren Helfer. Es war die Zeit der Ökumene, in der sich alle Gutwilligen, ohne Unterschied religiöser und sonstiger Anschauungen, zur Hilfe für Verfolgte zusammenfanden“. Trotz des Schutzes durch den Freiburger Erzbischof Conrad Gröber barg die illegale Arbeit große Gefahren. Von der Gestapo beobachtet und von einer Kollegin denunziert, wurde Gertrud Luckner im Frühjahr 1943 verhaftet. Nach wochenlangen Verhören in Wuppertal und Berlin wurde sie im November 1943 in das Frauenkonzentrationslager Ravensbrück verschleppt. Auch Personen aus ihrem Netzwerk wurden verhaftet; eine Freiburger Benediktinerin kam mit ihr ins Konzentrationslager. Beide wurden im Mai 1945 auf dem „Todesmarsch“ Richtung Westen befreit.
Nach ihrer Rückkehr nach Freiburg baute Gertrud Luckner bei der Caritas die „Arbeitsstelle für ehemals vom Nationalsozialismus Verfolgte“ auf. Ab 1948 gab sie den „Freiburger Rundbrief zur Förderung der Freundschaft zwischen dem alten und dem neuen Gottesvolk“ heraus und wurde so eine Pionierin der christlich-jüdischen Verständigung. Als eine der ersten Deutschen wurde sie 1951 nach Israel eingeladen. Neben zahlreichen anderen Auszeichnungen wurde sie 1966 vom Staat Israel als „Gerechte unter den Völkern“ geehrt.
Gertrud Luckner starb am 31. August 1995 in Freiburg im Alter von knapp 95 Jahren.
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Anregungen zum Weiterlesen:
BORGSTEDT, Angela: Gertrud Luckner, in: Menschen aus dem Land, hrsg. von der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg, Stuttgart 2008.
HEIDTKE, Birigt/RÖSSLER, Christina: Hilfe für die verfolgten Jüdinnen und Juden, in: DIES.: Margarethas Töchter. Eine Stadtgeschichte der Frauen von 1800 bis 1950 am Beispiel Freiburgs, Freiburg 1995, S. 418–445.
KOSMALA, Beate: Gertrud Luckner (1900–1995) – „Stille Heldin“ und Pionierin der christ-lich-jüdischen Verständigung, in: Reinhold WEBER/Ines MAYER (Hrsg.): Menschen, die uns bewegten. 20 deutsche Biografien im 20. Jahrhundert, Köln 2014, S. 100–107.
WOLLASCH, Hans-Josef: Hilfe für Verfolgte: Die Freiburgerin Gertrud Luckner, eine „Botschafterin der Menschlichkeit“, in: Wolfram WETTE (Hrsg.): Stille Helden. Judenretter im Dreiländereck während des Zweiten Weltkriegs, 2. Aufl., Freiburg 2014, S. 67–86.