Thekla Kauffmann (1883–1980)
Landtagsabgeordnete der ersten Stunde

Thekla Kauffmann war 1919 die einzige jüdische Abgeordnete im Kreis der 13 ersten weiblichen Landtagsabgeordneten im damaligen freien Volksstaat Württemberg. Sie hatte für die linksliberale Deutsche Demokratische Partei (DDP) kandidiert. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten leitete sie die regionale Auswanderungskommission des Hilfsvereins der deutschen Juden. 1941 gelang ihr selbst die Flucht in die USA – kurz bevor die Deportationen deutscher Juden begannen.
Thekla Kauffmann wurde am 18. Januar 1883 als Tochter von Hermann und Rosalie Kauffmann in Stuttgart geboren. Hier wuchs sie mit ihrer Schwester in einer gutbürgerlichen Unternehmerfamilie auf, der die „Mechanische Baumwollweberei Gebrüder Kauffmann“ gehörte. Es gelang Thekla, das jüdische Gemeindeleben und ihre beruflichen Ziele miteinander zu verbinden. Als erste Vorsteherin des Israelitischen Mädchenvereins und überzeugte Frauenrechtlerin war sie bereits vor dem Ersten Weltkrieg in der bürgerlichen Frauenbewegung aktiv und schon lange Mitglied im „Verein für Frauenstimmrecht“, der Demokratie und Gleichberechtigung forderte. Im Januar 1919 warb Thekla Kauffmann in Wahlaufrufen der DDP um die Stimmen der erstmals wahlberechtigten Frauen und errang bei den Wahlen zur Verfassunggebenden Versammlung Württembergs ein Mandat. Bereits 1920 zog sie sich aber aus der Landespolitik zurück und richtete beim Arbeitsamt Stuttgart eine „Hilfsstelle für Frauenarbeit“ ein. In den Zeiten der Inflation und Arbeitslosigkeit war sie hier mit den gerade für Frauen kaum lösbaren gesellschaftlichen Zwängen und Existenznöten konfrontiert.
Zehn Jahre später versuchte Thekla Kauffmann noch einmal, sich politisch einzumischen: 1931 kandidierte sie auf der unabhängigen Frauenliste für die Kommunalwahlen. Das Motto der Liste war: „Wir brauchen Stadtmütter! Neben den Stadtvätern, weil die frauliche Auffassung auf allen Gebieten des Gemeindelebens zur Geltung kommen muss.“ Auf dieser ersten und bisher einzigen Stuttgarter Frauenliste kandidierten 25 berufstätige und nicht berufstätige Frauen. Thekla Kauffmann stellte sich auf der Liste als „Arbeitsvermittlerin“ vor, „die auf eine vieljährige ehrenamtliche und berufliche Tätigkeit auf den verschiedensten Gebieten der Sozialfürsorge und Frauenbewegung zurückblicken“ kann und „genug Einblick“ habe, „um zu wissen, was nottut und wo Frauenhände auf dem Rathaus eingreifen müssen“. Keine der frauenpolitisch argumentierenden Bewerberinnen schaffte jedoch den Einzug in den Gemeinderat.
Die „städtische Vermittlungsbeamtin“ Thekla Kauffmann wurde 1933 nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten entlassen. Arbeit fand sie nun in der Wohlfahrtsstelle im Haus der Israelitischen Gemeinde Stuttgarts. Sie leitete dort die regionale Auswanderungskommission des „Hilfsvereins der deutschen Juden in Deutschland“, der sich bald in „Hilfsverein der Juden in Deutschland“ umbenennen musste. Hier versuchte sie den Druck des NS-Regimes auf jüdische Menschen etwas abzumildern, konnte vielen eine Ausreise ermöglichen und war ab Herbst 1934 bei „Kinderverschickungen“ englischer und amerikanischer Juden aktiv. Sie kooperierte mit dem amerikanischen Konsulat, das die vielen Einwanderungsgesuche der zur Emigration gezwungenen Juden bearbeitete. Mit der zunehmenden Verfolgung und den Pogromen im November 1938 war das Auswanderungsbüro dem Ansturm der Hilfesuchenden kaum mehr gewachsen. Thekla Kauffmann konnte 1941, im Alter von 58 Jahren, gerade noch Deutschland verlassen. Nach einer dramatischen Anreise über Frankreich gelang es ihr zusammen mit ihrer kranken Mutter, im letzten amerikanischen Schiff, das Lissabon in Richtung USA verließ, zwei Plätze zu ergattern. In Chicago, wo Familienangehörige lebten, übernahm Kauffmann die Leitung eines Heims für berufstätige Mütter. Nach ihrer Pensionierung arbeitete sie in der „Chicago Public Library“.
Ihren Lebensabend verbrachte Thekla Kauffmann, die sich selbst als erfüllt und dankbar bezeichnete, ab 1960 mit ihrer Schwester Alice Uhlmann in New York. Dort starb die mutige Frau am 21. Dezember 1980 im Alter von 97 Jahren. In ihre Heimat, das geliebte Stuttgart, hatte sie nicht mehr zurückkehren wollen.
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Anregungen zum Weiterlesen:
- ZELZER, Maria: Stuttgart unterm Hakenkreuz: Chronik 1933–1945, Stuttgart 1983,
S. 306–310. - FERN, Jetti: Verkannte Bürgerinnen – verschwiegene Schicksale. Jüdische Frauen in ihrer Stadt Stuttgart, in: Stuttgarter Frauenmuseum e. V.: Stuttgart für Frauen, Entdeckungen in Geschichte und Gegenwart, hrsg. von der Gleichstellungsstelle der Landeshauptstadt Stuttgart, Stuttgart 1992, S. 87–96.
- NIESS, Wolfgang: Thekla Kauffmann. Verpflichtung gegenüber den Mitmenschen in schwerster Zeit, in: Birgit KNORR/Rosemarie WEHLING (Hrsg.): Frauen im deutschen Südwesten, Stuttgart 1993, S. 180–185.
- STRAUSS, Walter (Hrsg.): Juden aus Württemberg nach 1933 (Signs of Life, Jews from Württemberg), Gerlingen 1982.