Anton Stankowski (1906–1998)

Sein druckgraphisches Werk

Pionier des Graphikdesigns

In der Kunstsammlung des „Hauses auf der Alb“ befinden sich diverse Serigraphien Anton Stankowskis aus den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg. Sie weisen allesamt die für Stankowski charakteristische konstruktiv-konkrete Formensprache auf.

Stankowski, der bereits während seiner Ausbildung an der Folkwangschule in Essen mit dem russischen Konstruktivismus in Berührung kam, belegte in dieser damals fortschrittlichen Lehranstalt Fächer wie „schriftliches Plakat“ oder „Werbegraphik“. In den 1920er- und 1930er-Jahren traf er in der Schweiz Max Bill (1908–1994) und seinen Kreis. Mit diesen Künstlererinnen und Künstlern prägte Stankowski die Konkrete Kunst, die auf geometrischen Formen basiert, einfach und visuell kontrollierbar ist und Naturanlehnung sowie symbolischen Gehalt ablehnt. Er entwickelte in unterschiedlichen künstlerischen Medien wie Photographie, Gebrauchsgraphik und Malerei ein innovatives Werk und fand zu künstlerischen Lösungen, die bis heute nichts an Aktualität einbüßen.

Für Stankowski war nicht das Erfinden, sondern der kritische Umgang mit vorgefundenen Gegebenheiten wichtig. Folgerichtig entwickelte er mit seiner innovativen typographischen Auffassung die „konstruktive Graphik“ und befasste sich wissenschaftlich mit Gestaltungstheorien. Er entwirft für große Firmen wie Standard Elektrik Lorenz (SEL) oder VIESSMANN Firmenlogos, ferner die Signets für die Deutsche Bank oder REWE.

Seine „funktionelle Graphik“ und seine „Gestaltungsfibel“ machten ihn zu einem der einflussreichsten Gestalter des 20. Jahrhunderts und zum Vater der visuellen Kommunikation. Anton Stankowski, der Pionier des Graphikdesigns, erhielt unzählige Preise und Ehrungen, beispielsweise 1991 den Hans-Molfenter-Preis der Stadt Stuttgart und das Bundesverdienstkreuz.

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Wirken in den Nachkriegsjahrzehnten

Nachdem Anton Stankowski nach acht Jahren Wehrmacht und russischer Kriegsgefangenschaft 1948 nach Stuttgart zurückgekehrt war, spielte er eine wesentliche Rolle dabei, dass die baden-württembergische Landeshauptstadt zu einem bedeutenden Zentrum des Graphikdesigns wurde. 1951 gründete er auf dem Stuttgarter Killesberg sein graphisches Atelier, in das 1972 Karl Duschek (1947–2011) als Partner hinzukam. Als Künstler der geometrischen Abstraktion war Stankowski im Bereich der künstlerischen Gattung Graphik 1964 auf der Documenta III in Kassel vertreten, die sich nach der Krise der ungegenständlichen Kunst während des Nazi-Regimes vor allem der zuvor geächteten Abstraktion verschrieb.

Als Graphikdesigner entwarf er in den Nachkriegsjahrzehnten zahlreiche Logos und visuelle Erscheinungsbilder, etwa für IBM, für große Versicherungen wie IDUNA oder die BKK sowie Logos für den Olympischen Kongress Baden-Baden oder den Süddeutschen Rundfunk. Als Gastdozent lehrte er an der Hochschule für Gestaltung in Ulm und wurde vorbildhaft für jüngere Generationen.

Seine Arbeit beeinflusste nachhaltig die graphische Gestaltung im ausgehenden 20. Jahrhundert. Sein vielseitiges Wirken in unterschiedlichsten Medien von Photographie über Gebrauchsgraphik bis hin zu Malerei ist gekennzeichnet von der Wechselwirkung zwischen freiem und angewandtem Arbeiten.

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Zwischen freier und angewandter Kunst

Serigraphien im „Haus auf der Alb“

Die freie Malerei bot Anton Stankowski die Möglichkeit, ohne äußere Einflussnahme zu experimentieren sowie gezielt und kontinuierlich Formentwicklungen voranzutreiben. So beschäftigte er sich mit Fragen der Bildstruktur und seriellen Prinzipien. Die Ausbildung bildnerischer Ideen erfolgte dabei vielfach in Rückbezug auf frühere eigene Bilderfindungen, die auch im Zusammenhang mit Aufträgen für Signetentwürfe, Plakate oder visuelle Erscheinungsbilder entstanden waren. Variantenreich spielte er etwa Themen mit Quadratformen in der Malerei durch und griff sie für Arbeiten im angewandten Bereich wieder auf. Das Motiv des Gemäldes „Das Kleine ist schön“ von 1956 findet sich etwa im Jahreskalender 1964 mit Funktionsgraphiken des Heizungsbauers Viessmann wieder, der im Offsetdruck entstand. Ebenso wurde das Motiv im Siebdruck in limitierter Auflage umgesetzt.

Eine solche Serigraphie befindet sich als Leihgabe des Regierungspräsidiums Tübingen im „Haus auf der Alb“. Hierbei thematisierte Stankowski das Thema Raster und Streuung, wobei ein kalkulierter Störfaktor etwa in Form eines aus dem orthogonalen Raster ausbrechenden roten Quadrates die Bildkonstruktion belebt. Das Motiv einer Serigraphie, die sich auf die malerische Arbeit „Quadrat und Drittel“ von 1954 zurückführen lässt, umkreist das Thema Symmetrie und Asymmetrie.

Auch um Fragen von Wachstum zu verdeutlichen, griff Stankowski auf die Grundform des Quadrates zurück, so etwa im fünfteiligen Reihenbild „Rebenschnitt, blau“ von 1967, das ebenfalls als Serigraphie, sprich im künstlerischen Siebdruck, reproduziert wurde. Die erwähnten druckgraphischen Beispiele aus dem „Haus auf der Alb“ machen eine Vorgehensweise Stankowskis besonders deutlich: Losgelöst von figurativen Bildfindungen für visuelle Information visualisierte er Vorstellungen abstrakter Prozesse auf der Grundlage geometrischer Formen: Balance und Gleichgewicht, Raster und Streuung oder wie in „Rebenschnitt, blau“ Wachsen, Keimen und Teilen.

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Graphikboom der Nachkriegsjahrzehnte

Das Vorgehen, malerische Arbeiten in druckgraphischen Werken auf Papier umzusetzen, entsprach ganz den Gepflogenheiten des Kunstmarktes der Nachkriegsjahrzehnte. Der Trend aus den Vereinigten Staaten, Gegenwartskunst auch einer breiten Masse potenzieller Kunstkäufer anzubieten, wurde auch in Deutschland aufgegriffen. In Baden-Württemberg befanden sich mit Siebdruckereien wie der von Luitpold Domberger (1912–2005) in Stuttgart-Bonlanden Unternehmen, die die Aufgabe, künstlerische Werke in limitierten Auflagen zu reproduzieren, professionalisierten.

Die Druckgraphik, die in diesen Jahren eine Hochphase erlebte, war sowohl künstlerisches Experimentierfeld als auch in kommerzieller Hinsicht für viele Künstler – auch für Stankowski – interessant. Nicht zuletzt spielte auch ein demokratischer Aspekt in diesen Jahren eine bedeutende Rolle: Es galt, fernab des hochpreisigen Segments bezahlbare, originale Werke für möglichst viele kunstinteressierte Menschen auf den Markt zu bringen.


Für weitere Informationen zu Anton Stankowski: www.stankowski-stiftung.de


Autorin: Jutta Fischer, Metzingen | Aufbereitung für das Netz: Internetredaktion der LpB (November 2020)

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