Carlo Schmid (1896–1979)

Weltbürger und einer der Väter des Grundgesetzes

Als Humanist, Weltbürger und Sozialdemokrat war Carlo Schmid eine politische Ausnahmeerscheinung. Er nahm maßgeblichen Einfluss auf die Ausarbeitung des Grundgesetzes und prägte den demokratischen Wiederaufbau in der Bundesrepublik. Im Parlamentarischen Rat agierte er wie ein „Innenarchitekt“ (Theodor Eschenburg), bemüht darum, den demokratischen Neubeginn zum Erfolg zu bringen. Auch im Südwesten wirkte er als Gestalter der neuen politischen Ordnung. So ging die Verfassung von Württemberg-Baden im Wesentlichen auf seinen Entwurf zurück. Unter dem Eindruck des verheerenden Erbes der beiden Kriege wurde er außerdem zu einem Vorreiter deutsch-französischer Aussöhnungsbemühungen und bekennenden Verfechter der europäischen Einigung.

Karl Johann Martin Heinrich Schmid, den seine Freunde Carlo nannten, wurde am 3. Dezember 1896 im südfranzösischen Perpignan geboren. Sein Vater Joseph war Reallehrer aus Württemberg, seine Mutter Anna Erra war Französin. Ein Jahr später zog die Familie nach Württemberg, wo Carlo Schmid in Weil der Stadt und Stuttgart zur Schule ging. Er wurde zweisprachig erzogen. Schmid begeisterte sich für die Wandervogelbewegung, meldete sich noch als Abiturient als Freiwilliger zum Ersten Weltkrieg und war bis 1918 vor allem an der Westfront eingesetzt. Die Revolution 1918 und die neue Republik begrüßte er. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 machte er sich und anderen Intellektuellen den Vorwurf, nicht genug für die Republik eingetreten zu sein.

Nach einem Jurastudium in Tübingen und anschließender Promotion war Carlo Schmid zunächst als Rechtsanwalt, Richter in Tübingen und Referent beim Berliner Kaiser-Wilhelm-Institut für Völkerrecht tätig. Nach seiner Habilitation 1929 erwarb er sich schnell einen Ruf als Völkerrechtsexperte. Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten war seine akademische Karriere jedoch beendet. Seine Ablehnung des NS-Regimes war bekannt, dennoch trat der Familienvater, der mit seiner Frau Lydia, geb. Hermes, vier Kinder hatte, formal dem Bund Nationalsozialistischer Deutscher Juristen bei, um seine Entlassung zu vermeiden.

Trotz großer innerer Widerstände musste Schmid am Zweiten Weltkrieg teilnehmen und erlebte von 1940 bis 1944 als Kriegsverwaltungsrat der Wehrmacht in Lille die deutsche Besatzung Nordfrankreichs mit. Wo es möglich war, versuchte er, die Opfer in der Bevölkerung zu verringern und französische Widerstandskämpfer zu retten.
1944 kehrte Carlo Schmid nach Tübingen zurück. In die Pläne der Widerstandsgruppe des Kreisauer Kreises war er eingeweiht und empfahl sich damit nach Kriegsende als Ansprechpartner für die französische Besatzungsmacht. Die betraute ihn bereits im Juni 1945 mit dem Wiederaufbau der Bereiche Bildung und Kultur. Im Oktober 1945 trat er an die Spitze des Staatssekretariats für das französisch besetzte Gebiet Württembergs und Hohenzollerns. Zugleich war er Kultus- und Justizminister und gehörte als Staatsrat auch dem Staatsministerium des amerikanisch besetzten Württemberg-Baden an. Seinen Gestaltungswillen stoppte allerdings die erste Landtagswahl 1947, bei der die CDU die absolute Mehrheit gewann. Schmid blieb Justizminister und stellvertretender Ministerpräsident, wandte sich nun jedoch stärker der Bundespolitik zu.

Als profilierter Jurist empfahl er sich für die Gestaltung einer bundespolitischen Ordnung für den westdeutschen Teilstaat, auf die er als Mitglied des Verfassungskonvents von Herrenchiemsee und des Parlamentarischen Rats maßgeblichen Einfluss nahm. Die Erfahrung des NS-Regimes vor Augen, setzte er sich insbesondere für die Grundrechte, vor allem für das Asylrecht, das Recht auf Kriegsdienstverweigerung und die Ächtung der Todesstrafe ein. Auf ihn geht auch die Verankerung des konstruktiven Misstrauensvotums im Grundgesetz zurück.

In der jungen Bundesrepublik konnte Schmid seinen angestrebten politischen Weg nur bedingt fortsetzen. 1949 zog er als Abgeordneter für den Wahlkreis Mannheim in den Bundestag ein (bis 1972). Seine Ambitionen auf das Amt des Bundestagspräsidenten und des Bundespräsidenten scheiterten an den politischen Mehrheitsverhältnissen. So blieb er als Vizepräsident des Bundestags, stellvertretender Fraktionsvorsitzender und auch als Bundesminister für die Angelegenheiten des Bundesrates und der Länder in der Großen Koalition von 1966 bis 1969 unter Kanzler Kurt Georg Kiesinger eher in der zweiten Reihe. Tief enttäuscht musste er zur Kenntnis nehmen, dass ihn die eigene Partei 1972 nicht mehr in den Bundesvorstand wählte. In der Folge engagierte er sich mit großem Erfolg als Koordinator der deutsch-französischen Beziehungen und schrieb an seinen Erinnerungen. Als „Homme de Lettre“ war er auch als Schriftsteller und Übersetzer hervorgetreten. Seine Übersetzung von Baudelaires „Les Fleurs du Mal“ (1947) gilt bis heute als wegweisend.

Carlo Schmid starb am 11. Dezember 1979 im Alter von 83 Jahren in Bad Honnef. Sein Grab befindet sich in Tübingen. Bei der Trauerfeier in Bonn bezeichnete ihn Willy Brandt als den „heimlichen Vater des freiheitlichen Deutschland“.

Download der Kurzbiographie (PDF)

Anregungen zum Weiterlesen:

  • BINDER, Hans-Otto: Carlo Schmid (1896–1979), in: Reinhold WEBER/Ines MAYER (Hrsg.): Politische Köpfe aus Südwestdeutschland, Stuttgart 2005, S. 246–256.

  • RABERG, Frank: Carlo Schmid (1886–1979), in: Menschen aus dem Land Nr. 9, hrsg. von der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg, Stuttgart 2006 .

  • TADDEY, Gerhard (Hrsg.): Carlo Schmid. Mitgestalter der Nachkriegsentwicklung im deutschen Südwesten, Stuttgart 1997.

  • WEBER, Petra: Carlo Schmid. Demokrat und Europäer, Mannheim 1996.


Links:


Filmtipp:

Professor Carlo Schmid. Ein Interview aus dem Jahr 1963.

Zum Video (SWR Retro)

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