Julius von Jan (1897–1964)

Protestantischer Pfarrer im Widerstand

Mit seiner unter Zeitgenossen an Deutlichkeit und Offenheit kaum übertroffenen Kritik an der menschenverachtenden Politik des NS-Regimes gehörte der evangelische Pfarrer Julius von Jan zu den herausragenden Vertretern des kirchlichen Widerstandes. Im November 1938 verurteilte er in einer aufsehenerregenden Bußtagspredigt nicht nur die Ausschreitungen der Pogromnacht vom 9./10. November, sondern auch das weitgehende Schweigen der deutschen Bevölkerung:

„Die Leidenschaften sind entfesselt, die Gebote Gottes missachtet, Gotteshäuser, die den anderen heilig waren, sind ungestraft niedergebrannt worden, das Eigentum der Fremden geraubt oder zerstört, Männer, die unserem deutschen Volk treu gedient haben und ihre Pflicht erfüllt haben, wurden ins KZ geworfen, bloß weil sie einer anderen Rasse angehörten! Mag das Unrecht auch von oben nicht zugegeben werden – das gesunde Volksempfinden fühlt es deutlich, auch wo man darüber nicht zu sprechen wagt.“

Julius von Jan wurde am 17. April 1897 in Schweindorf bei Neresheim als viertes von sieben Kindern in eine Pfarrerfamilie geboren. 1911 ging er als Seminarist nach Maulbronn und Blaubeuren. Im August 1914 meldete er sich als Freiwilliger für den Ersten Weltkrieg. Er wurde verwundet, geriet in englische Kriegsgefangenschaft und überwand dort als Seelsorger seine anfängliche deutschnational geprägte Enttäuschung über den Zusammenbruch des Kaiserreichs. In die Heimat zurückgekehrt, studierte er Evangelische Theologie in Tübingen und wurde nach einigen Zwischenstationen ab 1935 Pfarrer in Oberlenningen im Dekanat Kirchheim (Teck). Als Vertrauensmann der Bekennenden Kirche und Kritiker der regimetreuen „Deutschen Christen“ geriet er früh und wiederholt mit den Nationalsozialisten in Konflikt. Schon wenige Tage nach seiner mutigen Bußtagspredigt vom 16. November 1938 wurde er von SA-Männern überfallen und niedergeschlagen. Es folgte monatelange „Schutzhaft“, schließlich im April 1939 die Ausweisung aus Württemberg.

Parallel dazu eröffnete seine Landeskirche ein Disziplinarverfahren gegen ihn. Julius von Jan wurde in der bayerischen Landeskirche aufgenommen und versah in Ortenburg bei Passau Vertretungsdienste. Trotz des Einspruchs des württembergischen Landesbischofs Theophil Wurm musste Julius von Jan am 3. Januar 1940 eine erneute Haftstrafe in Landsberg am Lech antreten. Ende Mai 1940 wurde er zwar vorzeitig auf Bewährung entlassen, musste aber zum Kriegsdienst in einem Strafbataillon an der Ostfront. Dort geriet er in Gefangenschaft und kehrte 1945 vom Krieg gezeichnet nach Oberlenningen zurück, wo er seinen pfarramtlichen Dienst wieder aufnahm. 1949 wurde Julius von Jan Pfarrer an der Johanneskirche in Stuttgart-Zuffenhausen.

1958 wurde er pensioniert, am 21. September 1964 starb er im Alter von 67 Jahren in Korntal bei Stuttgart.

Es dauerte lange, bis die württembergische Landeskirche begann, sich mit dem mutigen Widerstand des Pfarrers Julius von Jan auseinanderzusetzen. Heute wird an mehreren Orten in Baden-Württemberg an ihn erinnert. Als besondere posthume Würdigung wurde er 2018 von der israelischen Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem als „Gerechter unter den Völkern“ geehrt. An „seiner“ St.-Martinskirche in Oberlenningen wurde 2019 ein Gedenkort eingerichtet. Die dortige evangelische Kirchengemeinde ist nach ihm benannt.


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Anregungen zum Weiterlesen:

  • HARPPRECHT, Klaus: Ein ganz besonderer Tag. Die Geschichte des Pfarrers Julius von Jan und seiner Predigt gegen die Pogrome der Nazis. Ein Lehrstück, in: Die ZEIT, Nr. 45/1999 (4.11.1999), S. 55.
  • RIEß, Hermann: Pfarrer, die man nicht vergißt: Julius von Jan, in: Für Arbeit und Besinnung 32 (1978), S. 755–759.
  • SCHÄFER, Gerhard: Dokumentation zum Kirchenkampf, Bd. 6, Stuttgart 1986.
  • SCHÖLLKOPF, Wolfgang: Julius von Jan (1897–1964) – protestantischer Prediger in Oberlenningen gegen die Pogromnacht vom 9. November 1938, in: Angela BORGSTEDT/ Sibylle THELEN/Reinhold WEBER (Hrsg.): Mut bewiesen. Widerstandsbiographien aus dem deutschen Südwesten, Stuttgart 2017,
    S. 149–156.
  • STÄHRMANN, Martin: Julius von Jan. Ein aufrechter Pfarrer wider die Nationalsozialisten, Stuttgart 2020.
  • WILLE, Hans-Dieter: Julius von Jan, in: Volker Henning DRECOLL/Juliane BAUR/Wolfgang SCHÖLLKOPF (Hrsg.): Stiftsköpfe, Tübingen 2012, S. 366–375.
  • WOLFES, Thomas: Julius von Jan, in: Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon, Bd. 18. Herzberg 2001, Sp. 752–760.

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