Lina Hähnle (1851–1941)
Kämpferin für Vogel- und Umweltschutz

Als eine der wenigen Frauen in einer männerdominierten Gesellschaft setzte Lina Hähnle mit ihrem Engagement für den Vogel- und Naturschutz am Ende des 19. Jahrhunderts ein entscheidendes Zeichen. 1899 gründete sie in der Stuttgarter Liederhalle den Bund für Vogelschutz (BfV), übernahm dessen Vorsitz und baute ihn zur erfolgreichsten und mitgliederstärksten Vereinigung seiner Art aus. Als Naturschutzbund Deutschland (NABU) zählt der Verband heute zu den großen Umweltschutzorganisationen.
Lina Hähnle wurde am 3. Februar 1851 in Sulz am Neckar geboren. Im Alter von zwanzig Jahren heiratete sie ihren Vetter Hans Hähnle, der in Giengen an der Brenz eine Filzfabrik gründete und zu einem weltweit agierenden Unternehmen ausbaute. Die fortschrittliche Haltung des Paares zeigt etwa die von ihnen eingeführte freiwillige Arbeiterkrankenversicherung, Lina Hähnles Kinderkrippe für Arbeiterkinder sowie die Stiftung einer Arbeitersiedlung in Giengen. Lina Hähnle wurde selbst Mutter von acht Kindern, von denen sechs das Erwachsenenalter erreichten. An den Wohnsitzen Giengen und Stuttgart managte sie Haushalt und Familie, koordinierte gleichzeitig aber auch Personal, Nutzgärten, Parkanlagen, soziale Einrichtungen und unzählige weitere Verpflichtungen.
In Stuttgart gründete Lina Hähnle 1899 den Bund für Vogelschutz (BfV). Die pompösen, mit Federn geschmückten Hüte der Damen jener Zeit, für die seltene Vögel sterben mussten, waren ihr ein Dorn im Auge. Gleichzeitig machte sie sich für einen ganzheitlichen Umweltschutz stark. Als Vorsitzende des Vereins, dessen Vorstand qua Satzung mit Personen beiderlei Geschlechts zu besetzen war, inspirierte Lina Hähnle die Naturschutzbewegung mit Organisationstalent, Durchsetzungsfähigkeit und Mut zu Neuem. Unter Einsatz ihres Privatvermögens hielt sie den Mitgliederbeitrag niedrig und stellte keine Bedingungen für den Vereinsbeitritt. Rasch gewann sie Adlige und Angehörige des Großbürgertums genauso wie Frauen und Männer aus der Arbeiterschaft und dem Handwerk für ihr Anliegen. 1916 hatte der Verband bereits 40.000 Mitglieder und war eine Massenorganisation. Neben der guten finanziellen Absicherung war für Lina Hähnle auch die Solidarität ihres Mannes von großer Bedeutung: Als erfolgreicher Geschäftsmann und langjähriger Abgeordneter der liberalen DVP im württembergischen Landtag und im Reichstag unterstützte Hans Hähnle seine Frau bei ihrem gesellschaftlichen Engagement. Mit seinem politischen Einfluss erreichte Lina Hähnle 1908 eine Verschärfung des Reichsvogelschutzgesetzes. Da noch keine gesetzlichen Instrumente für den Artenschutz existierten, betrieb sie zudem Naturschutz durch Grunderwerb und richtete private Schutzgebiete ein. 1911 floss bereits ein Drittel des Jahreshaushalts des Verbands in den Flächenkauf.
Mit Broschüren, Lichtbildserien, Ausstellungen und der Ausrichtung großer Vogelschutztage organisierte Lina Hähnle den fachlichen Austausch und bündelte Kräfte für den Umweltschutz. Überaus modern waren die Kampagnen gegen Federmode, Berichte über die Ölverschmutzung der Meere, Pflanzaktionen mit Kindern oder ein Versandhandel für Nistkästen. Dank guter Netzwerke und intensiver Öffentlichkeitsarbeit konnte sie auch einflussreiche Persönlichkeiten aus Wirtschaft und Politik für ihre Ziele gewinnen. 1912 wurde sogar der damalige US-Präsident Woodrow Wilson Mitglied des Vogelschutzbundes. Zudem waren in keinem anderen Naturschutzverband so viele Frauen und Mädchen engagiert. Bis ins hohe Alter war Lina Hähnle als gefragte Rednerin auf Vortragsreisen unterwegs. Als sie Ende 1937 nach knapp vierzig Jahren Vorstandstätigkeit ihr Amt niederlegte, zählte ihr Verband 41.000 Mitglieder.
Lina Hähnles Engagement erstreckte sich über Kaiserreich, Weimarer Republik und Nationalsozialismus. Anders als in anderen Naturschutzverbänden finden sich für die Zeit der Weimarer Republik im Vogelschutzbund weder völkische noch antidemokratische Haltungen. Allerdings verstand sich Hähnles Organisation nie als Opposition, sondern passte sich den politischen Verhältnissen an. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten fügte sich der Verband bald den politisch-ideologischen Zielen der NSDAP und wurde 1934 in „Reichsbund für Vogelschutz“ umbenannt. Inwiefern die inzwischen über achtzigjährige Lina Hähnle, gerne als „Vogelmutter“ bezeichnet, im NS-Gedankengut verstrickt war, ist noch zu erforschen. Belegt ist, dass einer ihrer Söhne im Rahmen der NS-Tötungsaktion kranker und behinderter Menschen in Grafeneck ermordet wurde.
Lina Hähnle starb am 1. Februar 1941 im Alter von knapp neunzig Jahren in Giengen.
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Anregungen zum Weiterlesen:
- HEGER, Wolfgang: Lina Hähnle (1851–1941): nicht nur Vogelmutter, in: Birgit KNORR/Rosemarie WEHLING (Hrsg.): Frauen im deutschen Südwesten. Stuttgart 1993, S. 170–175.
- MAY, Helge: Lina Hähnle. Vogelmutter mit Courage und Ausdauer, in: Naturschutz heute 1/99, 5. Februar 1999 (zum Text)
- WÖBSE, Anna-Katharina: Lina Hähnle (1851–1941): Vogelschutz in drei Systemen, in: Hans-Werner FROHN/Jürgen ROSEBOCK (Hrsg.): Spurensuche. Lina Hähnle und die demokratischen Wurzeln des Naturschutzes, Essen 2017, S. 35–56.