Piet Mondrian (1872–1944)

Kunst des „Neoplastizismus“

„Nur die reine Erscheinung der Elemente, in ausgeglichenem Verhältnis, kann die Tragik des Lebens mindern […] und dann brauchen wir keine Statuen und Bilder mehr, denn wir werden in einer Wirklichkeit gewordenen Kunst leben. Die Kunst wird sich in dem Maße aus dem Leben zurückziehen, als das Leben selbst an Ausgewogenheit und Ruhe gewinnen wird.“

 

Der niederländische Maler Piet Mondrian gilt als bedeutender Wegbereiter der Abstraktion. Bildkompositionen aus schwarzen Horizontalen und Vertikalen sowie harmonischen Flächengliederungen in den Primärfarben Rot, Blau und Gelb wurden zu seinem Erkennungsmerkmal. Seine Kunst des „Neoplastizismus“ beeinflusste Architektur und Design ebenso wie die Haute Couture. 1925 erschien seine Schrift „Neue Gestaltung. Neoplastizismus“ in der Reihe der Bauhaus-Bücher.

    1917 schlossen sich Piet Mondrian, Theo van Doesburg  (1883–1931), Georges Vantangerloo (1886–1965), Bart van der Leck (1876–1958) sowie weitere niederländische Künstler, Grafiker und Architekten zur Gruppe De Stijl zusammen. Charakteristisch für die Werke von De Stijl ist eine puristische Farb- und Formensprache. Die Verbindung der unterschiedlichen künstlerischen Gattungen sowie das Hineinwirken der Kunst in die Gesellschaft war gemeinsames Ziel. Dies geschah mit der Publikation der Zeitschrift „De Stijl“, mit der die künstlerischen Prinzipien der Gruppe einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurden. Zudem gelangte die Formensprache von De Stijl durch Gegenstände der angewandten Kunst ins Alltagsleben, so etwa durch den berühmten rot-blauen Stuhl von Gerrit Rietveld (1888–1964).

      Das Ideal einer Synthese von Kunst und Leben findet sich bereits beim Russischen Konstruktivismus, der 1913 mit den Reliefkonstruktionen Wladimir Tatlins einsetzte sowie im Programm des 1919 gegründeten Bauhauses. Mystisch-spirituelle Ansätze für seine Kunsttheorie fand Mondrian bei dem niederländischen Theosophen Matthieu Schoenemaker, den er 1916 kennenlernte. Mondrians auf Horizontal-Vertikal-Beziehungen reduzierte Bildsprache fand ihr Pendant in Schoenemakers Aufstellung der Gegensätze, die jene von aktiv/passiv, innen/außen, männlich/weiblich oder horizontal/vertikal nennt. Auch der Terminus „Nieuwe Beelding“ (Neue Gestaltung) geht auf Schoenemakers Schriften zurück.

      Als Sohn von Pieter Cornelis Mondriaan, einem Lehrer, der Anhänger der strengen Auslegung der calvinistischen Lehre war, hatte Piet Mondrian vier weitere Geschwister. Nachdem er bei seinem Onkel, dem Maler Frits Mondriaan (1853–1932), Zeichenunterricht erhalten hatte, schrieb er sich mit zwanzig Jahren an der Rijksakademie van beeldene kunsten in Amsterdam ein. Zu Beginn beschäftigte er sich vorwiegend mit Landschaftsmalerei. In systematischer Arbeitsweise entwickelte er aus landschaftlichen Motiven geometrische Strukturen. Bäume am Flussufer und deren Spiegelungen ergaben mit der Uferlinie ein Gerüst aus horizontalen und vertikalen Linien. 1915 gelangte er dann zur gänzlich gegenstandslosen Malerei.

        Zu diesem Zeitpunkt lebte er bereits in Paris, war vom Kubismus um Pablo Picasso (1881–1973) und George Braque (1882–1963) beeinflusst und hatte seinen Familiennamen von „Mondriaan“ zu „Mondrian“ geändert. Nach einem Besuch des kranken Vaters in den Niederlanden konnte er während des Ersten Weltkrieges nicht mehr nach Paris zurückkehren und blieb bis 1919 in seinem Heimatland, wo die Gründung der Gruppe De Stijl erfolgte. Zurück in Paris bewohnte er in der Rue de Départ einen 32 Quadratmeter großen Atelierraum, der seine visuelle Sprache auch in der Möblierung widerspiegelte. Mondrians Puritanismus, seine Suche nach der richtigen Anordnung der Dinge und Formen wurde in der Kunstwelt zum Orientierungspunkt hinsichtlich Feingefühl und Geschmack.

         

         

         

        Die niederländische Avantgarde-Künstlerin und Kunstsammlerin Nelly van Doesburg (1899–1975) erinnerte sich: „Innerhalb der künstlichen Umgebung des eigenen Ateliers durfte die Platzierung von Aschenbechern, Tischgedecken etc. nicht verändert werden, und zwar aus Furcht vor der Störung des Gleichgewichts der ganzen Ausstattung.“ Sie war es auch, die das Leben des Künstlers als das eines zurückgezogenen Mönches beschrieb: „Mondrian hatte eine Lebensweise angenommen, die keine realistische Aussicht auf gewöhnliche, familiäre Beziehungen gestattete.“

        Nach Auseinandersetzungen über künstlerische Gestaltungsmittel wie die Verwendung diagonaler Linien, distanzierte sich Mondrian von der De Stijl-Gruppe. Der drohende Zweite Weltkrieg veranlasste ihn schließlich Paris zu verlassen. Von 1938 bis 1940 hielt er sich in London auf, um dann endgültig nach New York überzusiedeln. In der Galerie von Pierre Matisse (1900–1989), dem einflussreichen Kunsthändler und Sohn des Künstlers Henri Matisse (1869–1954), beteiligte sich Mondrian neben Künstlern wie André Breton (1896–1966), Max Ernst (1891–1976) oder Marc Chagall (1887–1985) an der Gruppenausstellung „Artists in Exile“.

        Piet Mondrian starb im Alter von 71 Jahren am 1. Februar 1944 in New York.


        Anregungen zum Weiterlesen:

        • Deicher, Susanne: Piet Mondrian. Protestantismus und Modernität, Berlin 1995.
        • Janssen, Hans: Mondrian. Vom Abbild zum Bild, Den Haag/Köln 2008.
        • Mondrian, Piet: Neue Gestaltung. Neoplastizismus. Nieuwe Beelding, München 1925.
        • Warncke, Carsten-Peter: Das Ideal als Kunst. De Stijl, 1917?1931, Köln 1990.
        • Westheider, Ortrud/Philipp, Michael (Hrsg.): Mondrian. Farbe, München 2014.
        • Ziegelgänsberger, Roman (Hrsg.): Piet Mondrian. Natur und Konstruktion, Wiesbaden 2019.

        Links:


        Filmtipp:

        Mondrian oder die Kunst des guten Aufräumens (YouTube)

        Autorin: Jutta Fischer, Metzingen / Aufbereitung für das Netz: Internetredaktion der LpB

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