Hannelore König (1925–2012)

Juristin und Geschichtserzählerin mit Zivilcourage

Geradlinig, unsentimental, aufrecht und in ihrer Haltung der Welt gegenüber ein Beispiel für Zivilcourage – so lässt sich Hannelore König charakterisieren. Als Juristin und erste Oberstaatsanwältin im württembergischen Landesteil machte sie im Staatsdienst Karriere und wurde in ihren letzten Lebensjahren zur erinnerungsstarken Erzählerin ihrer Familiengeschichte.

Hannelore König, geb. Wolf, kam am 31. Dezember 1925 als Tochter des jüdischen Arztes Nathan Wolf und seiner Frau, der Christin Auguste Wolf, geb. Neuhaus, in Wangen am Bodensee zur Welt. In einer gemischtkonfessionellen Ehe aufzuwachsen, in der das jüdische Element schon aufgrund der Vielzahl an Verwandten und der starken jüdischen Familienbande klar den Vorrang hatte, spielte für das Kind nicht die geringste Rolle. Bedeutsam wurde der Umstand der „Mischehe“ erst nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten. Eine gemeinsame Flucht der Familie vor der Verfolgung war wegen der Tuberkuloseerkrankung der Mutter nicht möglich. So ging Nathan Wolf allein ins Exil in die Schweiz. Hannelore Wolf wurde der Schulbesuch verwehrt. Nach dem Tod der Mutter 1942 mussten sie und ihr jüngerer Bruder Gert als Dienstmagd und Knecht bei einer Weinbauernfamilie in Stuttgart-Untertürkheim arbeiten. Dort überstanden die beiden die letzten Jahre des Zweiten Weltkriegs. In dieser Zeit lernte Hannelore König, sich durchzusetzen und keinesfalls klein beizugeben. Das schmerzliche Schicksal ihrer jüdisch-christlichen Familie schilderte sie 2004 zum ersten Mal dem Schriftsteller Manfred Bosch. Ihre Erinnerungserzählung wurde zum zentralen Element des Hegau-Jahrbuchs 2007 und Ausgangspunkt für das Biographie- und Archivprojekt „In der Heimat eine Fremde“.

Hannelore König war es vor allem wichtig, nicht auf die zwölf Jahre NS-Zeit und die Opferrolle festgeschrieben zu sein. Nach dem Krieg wollte sie gestalten und sich aktiv in die Gesellschaft einbringen – wie auch ihr Vater, der nach 1945 wieder in Wangen als Arzt praktizierte. Ab 1946 studierte sie Jura an der Universität Freiburg, 1950 legte sie die Erste Juristische Staatsprüfung ab und ging 1951 für ein halbes Jahr in die USA, wo sie als Justizreferendarin an einem „Redemocratisation“-Programm teilnahm. Die Erfahrungen dieser „Reise ihres Lebens“ prägten sie nachhaltig. Sie entwickelte vor allem einen scharfen Blick für Diskriminierung und Gerechtigkeit. Zurück in Deutschland setzte sich die engagierte und inzwischen promovierte Juristin, die 1958 den Berliner Rechtsanwalt Dieter König heiratete, in der Männerdomäne der Justiz durch. Sie arbeitete zunächst beim Amt für Wiedergutmachung in Stuttgart und machte ab 1958 als Staatsanwältin eine für die damalige Zeit einmalige Karriere, bis sie 1973 zur ersten Oberstaatsanwältin in Württemberg berufen wurde.

Nach einer kurzen Phase des Ruhestands ging Hannelore König nach der deutschen Wiedervereinigung im November 1991 als Staatsanwältin nach Dresden, wo sie mit der Aufarbeitung des DDR-Unrechts betraut war. Anders als ihre Tätigkeit beim Landesamt für Wiedergutmachung in den 1950er-Jahren begriff sie diese Aufgabe als passende Herausforderung: Denn es ist ein Unterschied, ob man während einer Diktatur vom Unrecht selbst betroffen ist, oder ob man von anderen erlittenes Unrecht aus professioneller Distanz beurteilen kann. Als knapp 70-Jährige beendete Hannelore König 1995 ihre Berufstätigkeit. Jahre später begann ihre Karriere als Geschichtserzählerin, mit der sie auch eine der Hauptfiguren im Dokumentarfilm „Landschaftsgeschichten“ von Marcus Welsch wurde.

Hannelore König starb am 19. Juli 2012 im Alter von 86 Jahren beim Schwimmen im Bodensee. Sie liegt auf dem Friedhof von Wangen begraben.


Download der Kurzbiographie (PDF)

Anregungen zum Weiterlesen:

  • BOSCH, Manfred: „Hitler war weg und wir waren da“ – Manfred Bosch im Gespräch mit Hannelore König, in: Jüdische Kultur im Hegau und am See (Hegau-Jahrbuch 64/2007), S. 239–310.

  • OVERLACK, Anne: In der Heimat eine Fremde. Das Leben einer deutschen jüdischen Fami-lie im 20. Jahrhundert. Erinnerungen und Dokumente, Tübingen 2016.


Filmtipp:

Familie Wolf aus Wangen
Der Dokumentarfilm Landschaftsgeschichten (2009) von Marcus Welsch porträtiert Menschen im Hegau und auf der Höri. 2013 produzierte Marcus Welsch den Dokumentarfilm „… und dann waren wir wieder da, wo wir hingehören“. Hannelore König und Gert Wolf erzählen. Die Kinder des „letzten Juden von Wangen“ über Leben und Verfolgung auf der Höri.

Landschaftsgeschichten – Der Film

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