Elly Heuss-Knapp (1881–1952)
Sozialreformerin, Politikerin und „First Lady“

Elly Heuss-Knapp war weitaus mehr als die erste First Lady der Bundesrepublik an der Seite des Bundespräsidenten Theodor Heuss. Bevor sie diese Rolle übernahm, hatte sie sich bereits als Sozialreformerin, Publizistin, Werbefachfrau und Politikerin profiliert. Heute gilt sie auch als prominente Vertreterin eines sozial reflektierten Liberalismus.
Zur Biografie über Bundespräsident Theodor Heuss
Elly (Eleonore) Knapp wurde am 25. Januar 1881 in Straßburg geboren. Mit 18 Jahren legte sie das Lehrerinnenexamen ab und gründete kurz darauf eine kleine Privatschule. Sie konnte den Straßburger Bürgermeister überzeugen, eine „Fortbildungsschule für Mädchen“ einzurichten, an der sie sechs Jahre unterrichtete. 1905 begann Elly Knapp in Freiburg als eine der ersten Frauen mit dem Studium der Volkswirtschaft, das sie in Berlin fortsetzte. Ihren Schwerpunkt legte sie auf die Sozialpolitik. Bei ihrer Mitarbeit an einer Heimarbeitsausstellung (1906) wurde sie mit den oft menschenunwürdigen Lebensbedingungen von Heimarbeiterinnen und mitarbeitenden Kindern konfrontiert. Erstmals kam sie auch in Kontakt mit Gewerkschaften und der bürgerlichen Frauenbewegung. Und sie begegnete dem Pfarrer und sozialliberalen Politiker Friedrich Naumann, der sie als Referentin für Vorträge engagierte. Über ihn lernte sie auch Theodor Heuss kennen. 1908 heiratete das Paar in Straßburg und zog nach Berlin.
Elly Heuss-Knapp unterrichtete weiter an einer Sozialen Frauenschule, hielt Vorträge und engagierte sich ehrenamtlich als Schöffin und in der Armen- und Nachbarschaftshilfe. 1908 erschien ihr Lehrwerk „Bürgerkunde und Volkswirtschaftslehre für Frauen“. Auch nach der Geburt ihres Sohnes blieb sie erwerbstätig und entsprach damit dem Ideal der „neuen Frau“. 1912 zog die junge Familie nach Heilbronn, wo Elly Heuss-Knapp während des Ersten Weltkriegs die erste Arbeitsbeschaffungsstelle für Frauen in Deutschland gründete. Sie sorgte dafür, dass Mütter nicht zur Arbeit in Munitionsfabriken verpflichtet werden, sondern in Heimarbeit Kleidung für Soldaten anfertigen konnten. Mit den erwirtschafteten Überschüssen konnte sie Erholungsmaßnahmen für bedürftige Frauen organisieren. Als den Frauen 1918 das Wahlrecht zugestanden wurde, engagierte sich Elly Heuss-Knapp – nun wieder mit der Familie in Berlin – im überparteilichen Propagandaausschuss der Frauenverbände. Mit innovativer Wahlwerbung versuchte sie, Frauen zur Stimmabgabe zu motivieren. Sie selbst engagierte sich in der liberalen Deutschen Demokratischen Partei als Wahlkämpferin und kandidierte 1919 (erfolglos) bei der Wahl zur Nationalversammlung. In der Folgezeit wandte sie sich der kirchlichen Sozialarbeit zu. Vorträge und Reportagen für das Radio steigerten ihre Bekanntheit weit über Berlin hinaus.
Die Machtübernahme der Nationalsozialisten traf das Ehepaar Heuss mit dem Verlust fast aller Einkünfte existentiell. In dieser Situation wechselte Elly Heuss-Knapp das Metier und ernährte die Familie als Werbetexterin. Sie warb nun für Hautcreme und Hustenpastillen und revolutionierte mit Radiospots und Werbefilmen die Reklamebranche. Das private Haus der Familie wurde Anlaufpunkt für Gegner und Verfolgte des NS-Regimes und Elly Heuss-Knapp beteiligte sich an Protestaktionen der Bekennenden Kirche.
Nach 1945 konzipierte Elly Heuss-Knapp Schulbücher, arbeitete für den Schulfunk und beteiligte sich an der Tagungsarbeit der Evangelischen Akademie Bad Boll. Trotz ihrer angeschlagenen Gesundheit ließ sie sich 1946 bei den Wahlen zum Landtag von Württemberg-Baden für die liberale DVP (später FDP) aufstellen und wurde gewählt. Die erste Sitzung des Landtags eröffnete sie als Alterspräsidentin. Erneut konzentrierte sie sich auf die Sozialpolitik. Als Theodor Heuss 1949 zum ersten Bundespräsidenten gewählt wurde, legte sie ihr Mandat nieder. Ihren Einfluss als „First Lady“ nutzte sie nun und vernetzte zahlreiche Verbände, um sie für die Situation von Frauen und Müttern zu sensibilisieren. Für die belasteten Mütter konzipierte und realisierte sie 1950 zusammen mit Antonie Nopitsch die Stiftung Deutsches Müttergenesungswerk.
Obwohl zunehmend von Krankheit gezeichnet, setzte sich Elly Heuss-Knapp weiterhin intensiv für das Müttergenesungswerk ein. Mit ihren Aktivitäten begründete sie die Tradition, dass alle „First Ladies“ in der Bundesrepublik die Schirmherrschaft für das Müttergenesungswerk übernehmen und sich für soziale Einrichtungen engagieren.
Elly Heuss-Knapp starb am 19. Juli 1952 im Alter von 71 Jahren in Bonn.
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Anregungen zum Weiterlesen:
- GOLLER, Alexander: Elly Heuss-Knapp – Gründerin des Müttergenesungswerks: eine Biographie, Köln 2012.
- HEUSS-KNAPP, Elly: Rat und Tat. Nachklang eines Lebens, hrsg. von Friedrich Kaufmann, Tübingen 1964.
- JÜNGLING, Kirsten/ROßBECK, Brigitte: Elly Heuss-Knapp (1881–1952). Die erste First Lady. Ein Portrait, Heilbronn 1994.
- STIFTUNG GEIßSTRASSE 7 (Hrsg.): Elly Heuss-Knapp. Sozialreformerin – Publizistin – Werbefachfrau – Politikerin – First Lady. Ein Gedenkblatt, Stuttgart 2002. (zum Text)