Clara Siebert (1873–1963)

Katholische Aktivistin und Politikerin

Als gläubige Katholikin machte sich Clara Siebert für die kirchlich-karitative Frauenarbeit stark. In leitender Funktion im Katholischen Frauenbund setzte sie sich aber auch für ein neues Selbstbewusstsein katholischer Frauen und deren größere Präsenz in der Öffentlichkeit ein. Als Verbandsfunktionärin, Schriftstellerin und spätere Zentrumpolitikerin arbeitete sie an der Verbesserung der gesellschaftlichen und politischen Stellung von Frauen, bekannte sich aber uneingeschränkt zur Idee der „Wesensverschiedenheit der Geschlechter. Im badischen Landtag war sie die einzige weibliche Abgeordnete, die dem Parlament von 1919 bis 1933 ununterbrochen angehörte.

Clara Siebert (geb. Ritter) wurde am 2. August 1873 im südbadischen Schliengen geboren. Als Tochter eines Bezirksarztes konnte sie nach der Volksschule eine höhere kirchliche Mädchenschule in Offenburg besuchen und legte 1895 in Basel das Lehrerinnenexamen ab. Siebert übte den Lehrerinnenberuf jedoch nie aus, da sie sich nach der Heirat mit dem späteren Oberregierungsrat Albert Siebert und der Geburt eines Sohnes zunächst auf die Familienarbeit konzentrierte. Nach dem Umzug der Familie nach Karlsruhe 1907 wurde sie in der kirchlichen Frauenarbeit aktiv. Von 1909 bis 1919 war Clara Siebert beim Aufbau des Katholischen Deutschen Frauenbunds in Karlsruhe aktiv und übernahm Leitungsfunktionen in der kirchlichen Verbandsarbeit. 1920 wurde sie Vorsitzende des Badischen Landesausschusses des Frauenbunds und zählte zum Diözesanvorstand der Christlichen Müttervereine. Dies machte sie zur prominentesten Vertreterin der Karlsruher Katholiken. Ihr Engagement in der Frauenarbeit war sozial und bildungspolitisch bestimmt. Gleichzeitig betätigte sie sich schriftstellerisch und veröffentlichte 1916 die Biographie der Konstanzer Malerin Marie Ellenrieder.

Während des Ersten Weltkriegs arbeitete Clara Siebert von 1914 bis 1917 in einem Karlsruher Lazarett und übernahm von 1917 bis 1919 die Funktion einer Referentin in der Kriegsamtsstelle für Frauenfürsorge in Karlsruhe. Im Januar 1919 wurde Siebert bei den ersten demokratischen Wahlen im Deutschen Reich in die verfassunggebende Landesversammlung der Republik Baden und später in den Badischen Landtag gewählt. Als Abgeordnete der Zentrumspartei – die noch 1918 die Einführung des Frauenwahlrechts abgelehnt hatte – gehörte sie bis 1933 dem Landtag in Karlsruhe an. Siebert steht damit beispielhaft für den Weg aus der katholischen Frauenbewegung in die Parteipolitik. Als Ehefrau und Mutter belastete sie dabei aber auch der innere Konflikt zwischen ihrer Familienrolle und dem Willen, politische Verantwortung zu übernehmen. Politisch setzte sich die tiefreligiöse konservative Parlamentarierin vor allem für die Interessen des Katholizismus ein und wirkte im Friedensbund deutscher Katholiken mit. 1924 wurde sie dafür mit dem päpstlichen Ehrenkreuz „Pro Ecclesia et Pontifice“ ausgezeichnet.

1932 wurde Clara Siebert in den Reichstag gewählt und erlebte in Berlin als Abgeordnete die letzten Tage der Weimarer Republik. Nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten stimmte sie im März 1933 mit der Zentrumsfraktion für das „Ermächtigungsgesetz“. Diese Entscheidung bereute Clara Siebert später sehr: „… ich habe seelisch so unter dem Gedanken gelitten, dass ich die einzige Mutter war, die ihr Votum für das Ermächtigungsgesetz abgab.“ Noch 1933 wurde sie wie andere demokratische Abgeordnete gezwungen, ihre politische Arbeit aufzugeben. Sie konzentrierte sich nun verstärkt auf karitative und schriftstellerische Tätigkeiten. Nach dem gescheiterten Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 wurde Clara Siebert, wie viele andere NS-Gegner auch, eine Woche lang in Gestapo-„Schutzhaft“ genommen.

In den Jahren des demokratischen Neuaufbaus nach 1945 strebte die inzwischen über siebzigjährige Clara Siebert keine politische Funktion mehr an, sondern publizierte in katholischen Zeitschriften. Sie stellte jedoch ihre Kompetenzen in den Dienst der neuen CDU, der Nachfolgepartei des Zentrums. Bei den Karlsruher Christdemokraten konnte sie als einzige Frau langjährige Erfahrungen aus Parlament und kirchlicher Frauenarbeit einbringen. Ende 1945 richtete sie sich für die Partei mit einem Flugblatt explizit an die „Frauenwelt in Stadt und Land“. Enttäuscht war Clara Siebert darüber, wie wenig die CDU in den Nachkriegsjahren Frauen einbezog: Bei den ersten Karlsruher Gemeinderatswahlen 1946 fand sich auf der CDU-Liste keine einzige Kandidatin und nur eine weibliche Abgeordnete schaffte den Sprung in den Landtag von Württemberg-Baden. Dagegen protestierte die sonst eher zurückhaltende 78-Jährige vehement.

Clara Siebert starb am 23. März 1963 im Alter von 89 Jahren in Karlsruhe.

Download der Kurzbiographie (PDF)

Anregungen zum Weiterlesen:

  • BOPP, Linius: Clara Siebert (1873–1963). Versuch ihrer Lebensbeschreibung und Würdigung ihrer Lebensleistung, Freiburg 1971.

  • GUTTMANN, Barbara: Den weiblichen Einfluss geltend machen ...: Karlsruher Frauen in der Nachkriegszeit 1945–1955, hrsg. vom STADTARCHIV KARLSRUHE, Karlsruhe 2000.

  • SIEBLER, Clemens: Clara Siebert (1873–1963), in: Birgit KNORR/Rosemarie WEHLING (Hrsg.): Frauen im deutschen Südwesten, Stuttgart 1993, S. 198–203.

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