Hedwig Kettler (1851–1937)

Pionierin der Frauen- und Mädchenbildung in Deutschland

Unermüdlich, konsequent und kompromisslos trat Hedwig Kettler von 1887 bis 1908 für die Gründung von „Vollgymnasien“ für Mädchen ein und legte damit den Grundstein für die heute weitgehend realisierte Chancengleichheit der Geschlechter in der Schulbildung.

Hedwig Kettler wurde am 19. September 1851 in Harburg bei Hamburg als Tochter des Regierungsbaurats Gustav Reder geboren. Da ihr Vater wenig später als Eisenbahnbetriebsdirektor nach Osnabrück versetzt wurde, besuchte sie dort zunächst die Elementar- und dann die Höhere Töchterschule. Als die hochbegabte junge Frau Anfang der 1870er-Jahre mit ihren Eltern nach Berlin zog, beschloss sie, an der dortigen Kunstakademie Malerei zu studieren. Zur Vorbereitung darauf nahm sie bei einem angesehenen Professor für Landschaftszeichnen Privatunterricht. Allerdings musste sie die ihr weiteres Leben prägende Erfahrung machen, dass ihr als Frau ein Studium, ganz gleich in welchem Fachbereich, verwehrt blieb, weil die Höhere Töchterschule, die damals höchste Schulform für Mädchen, nicht zur allgemeinen Hochschulreife befähigte.

Nach der Eheschließung mit dem promovierten Geographen, Volkswirt und Statistiker Julius Kettler 1880 sowie Aufenthalten in Lahr (1881/82) und Karlsruhe (1882–1884) begann Hedwig Kettler, inzwischen Mutter von zwei Töchtern, sich an ihrem neuen Wohnort Weimar für die „Hebung der weiblichen Bildung“ einzusetzen. Ihr Ziel war die Gründung von Mädchengymnasien, um jungen Frauen die Möglichkeit zum Abitur und damit auch zur Aufnahme eines Studiums und zur Ausübung eines akademischen Berufs zu geben. Dies war ein Unternehmen, das im Deutschen Kaiserreich auf erheblichen Widerstand stoßen musste, denn die Entscheidung über solche gesellschaftspolitischen Weichenstellungen lag in den Händen von Männern, die zum großen Teil die Mündigkeit und Selbständigkeit von Frauen anzweifelten.

Hedwig Kettler taktierte äußerst klug: Sie konzentrierte sich bei ihrem emanzipatorischen Vorstoß auf die Forderung nach gymnasialer Schulbildung für Mädchen und trat mit dieser zunächst nur publizistisch an die Öffentlichkeit. 1887 gründete sie die Zeitschrift „Frauenberuf. Zeitschrift für die Interessen der gebildeten Frauenwelt“, in der ausschließlich Beiträge von ihrer Hand erschienen. Neben diesem Journal, das zum Organ des 1888 ebenfalls von ihr initiierten „Deutschen Frauenvereins Reform“ (ab 1890 „Verein Frauenbildungs-Reform“) wurde, gab sie ab 1889 mit der „Bibliothek der Frauenfrage“ noch eine zweite Zeitschrift heraus, in der auch engagierte Mitstreiterinnen zu Wort kamen. Ihre vier wichtigsten Beiträge – „Was wird aus unsern Töchtern?“, „Was ist Frauen-Emanzipation?“, „Streiflichter auf unsere Gegner“ und „Gleiche Bildung für Mann und Frau“ – veröffentlichte sie 1891 nochmals gesondert in dem Band „Für Frauenglück! Eine Gabe für denkende Frauen“. Seit seiner Gründung 1888 reichte der „Verein Frauenbildungs-Reform“ regelmäßig bei maßgebenden Stellen im Reich und in den Ländern Petitionen zur Reform der Frauenbildung ein – zunächst ohne Erfolg. Als die badische Regierung 1892 den „Antrag auf Zulassung des weiblichen Geschlechts zur Reifeprüfung“ wohlwollend behandelte, nahm der Verein dies zum Anlass, in der badischen Residenz- und Landeshauptstadt Karlsruhe das erste Mädchengymnasium auf deutschem Boden zu errichten. Am 16. September 1893 wurde es als Institut des Vereins mit einer Untertertia eröffnet. Zu jedem neuen Schuljahr kam eine weitere Klasse hinzu, so dass 1899 erstmals Schülerinnen der Oberprima Abitur ablegen konnten. Bereits 1897 war die Einrichtung in die Trägerschaft der Stadt Karlsruhe übergegangen.

Als Hedwig Kettler 1893 nach Hannover zog, wurde auch die Vereinszentrale, der sie bis 1901 vorstand, in die preußische Provinzhauptstadt verlegt. Auch hier trat sie engagiert für die Gründung eines Mädchengymnasiums ein, das 1899 eröffnet wurde. Nach dem Vorbild von Karlsruhe und Hannover entstanden bis 1900 in Berlin, Köln, Breslau, Leipzig, Bremen und Stuttgart weitere Gymnasialabteilungen. Ihr eigentliches Ziel aber, die Schaffung eines neunklassigen Mädchengymnasiums als selbständiger Schultyp neben der Höheren Töchterschule, konnte sie trotz der Gründung eines entsprechenden Komitees 1902, dem bekannte Persönlichkeiten des kulturellen Lebens angehörten, nicht verwirklichen. 1908 zog sich die 57-Jährige aus dem öffentlichen Leben zurück und zog nach Berlin um.

Dort starb Hedwig Kettler am 5. Januar 1937 im Alter von 85 Jahren.


Download der Kurzbiographie (PDF)

Anregungen zum Weiterlesen:

  • GRUNDER, Hans-Ulrich/DE LA ROI-FREY, Karin (Hrsg.): Reformfrauen in der Schule.
    Ein Lesebuch, Baltmannsweiler 2005.

  • STADT KARLSRUHE (Hrsg.): 100 Jahre Mädchen-Gymnasium in Deutschland, Karlsruhe 1993.

  • WILLICH, Hugo: Hedwig Kettler 1851–1937, in: Niedersächsische Lebensbilder
    Bd. 4, im Auftrag der Historischen Kommission hrsg. von Otto Heinrich May, Hildesheim 1960, S. 155–171.


Links:


Filmtipp:

„Vor allem war es die Lust am Lernen!“ – das erste Gymnasium für Mädchen. Wiederaufführung von Hedwig Kettlers Abschlussrede zum Abitur

Wiederaufführung der Abschlussrede zum Abitur von Hedwig Kettler (YouTube)

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