Liselotte (Lilo) Herrmann (1909–1938)
Widerstandskämpferin gegen Aufrüstung und Krieg

Liselotte (Lilo) Herrmann war im Juni 1938 die erste Frau, die unter der nationalsozialistischen Herrschaft als Widerstandskämpferin zum Tode verurteilt und hingerichtet wurde. Zusammen mit Mitstreitern hatte die Studentin Informationen über die von den Nationalsozialisten forcierte Aufrüstung gesammelt, die im Ausland veröffentlicht werden sollten. In der Haft blieb sie auch unter Folter standhaft und gab keine Informationen preis. Bis zu ihrem Tod war die 28-jährige junge Mutter davon überzeugt, dass der Nationalsozialismus besiegt werden und danach eine bessere Welt entstehen könne.
Lilo Herrmann wurde am 23. Juni 1909 in Berlin in eine gut situierte, bürgerlich-liberale Familie geboren. Ihr Vater war Ingenieur, ihre Mutter Hausfrau. Bereits zu Schulzeiten kam Lilo in Kontakt mit sozialistischen Ideen und schloss sich als Abiturientin dem Sozialistischen Schülerbund in Berlin an. Während ihres Chemiestudiums, das sie nach dem Umzug der Familie nach Stuttgart 1929 an der Technischen Hochschule Stuttgart aufnahm, trat Lilo Herrmann in den Kommunistischen Jugendverband, in die 1930 gegründete Rote Studentengruppe und in die Kommunistische Partei Deutschlands (KPD) ein. 1931 zog sie nach Berlin, nahm dort das Studium der Biologie auf und blieb politisch aktiv. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten endete im Oktober 1933 ihr Studium abrupt, nachdem sie wegen „kommunistischer Betätigung“ von der Universität verwiesen wurde. Ihren Lebensunterhalt verdiente sie nun als Kinderpflegerin und engagierte sich weiter in (mittlerweile verbotenen) kommunistischen Kreisen. Zeitweilig nahm sie den untergetauchten Stuttgarter Kommunisten Fritz Rau bei sich auf, der Vater ihres Kindes werden sollte. Als Rau Ende 1933 von den Nationalsozialisten ermordet wurde, war Lilo Herrmann schwanger. Am 15. Mai 1934 brachte sie ihren Sohn Walter zur Welt.
Mit ihrem Sohn zog Lilo Herrmann 1934 zu ihren Eltern nach Stuttgart zurück und arbeitete als Stenotypistin im Büro ihres Vaters. Noch immer war die junge Frau im Widerstand gegen die Nationalsozialisten aktiv, hielt dies jedoch vor ihren Eltern geheim. Ihre beruflichen Fähigkeiten nutzte sie, um Flugschriften und Flugblätter zu verfassen und zu vervielfältigen. Für Stefan Lovász, den Leiter der im Untergrund agierenden KPD Württemberg, verfasste sie politische Einschätzungen. Zusätzlich arbeitete Lilo Herrmann gemeinsam mit einem Genossen für den geheimen Nachrichtenapparat der KPD, der Informationen über die verbotene Aufrüstung Nazi-Deutschlands sammelte und im Ausland veröffentlichte. Diese Informationen sollte Lilo Herrmann anlässlich einer Geschäftsreise in der Schweiz übergeben. Dazu sollte es aber nicht mehr kommen.
Am 7. Dezember 1935 wurde Lilo Herrmann verhaftet. Nachdem die Württembergische Politische Polizei bei der Durchsuchung ihres Zimmers neben sozialistischer Literatur und illegalen Schriften der KPD auch den Plan einer geheimen Munitionsfabrik fand, wurde Lilo Herrmann in das Stuttgarter Polizeigefängnis in der Büchsenstraße gebracht. Bei Verhören wurde sie massiv unter Druck gesetzt, nannte aber keine Namen von Mitstreitern. Im März 1936 kam sie offiziell in Untersuchungshaft und es wurde Anklage gegen sie erhoben.
Gemeinsam mit Stefan Lovász und Artur Göritz wurde sie vor dem 1934 von den Nazis geschaffenen „Volksgerichtshof“ wegen „Landesverrat, begangen in Tateinheit mit Vorbereitung zum Hochverrat“ zum Tode verurteilt. Die Richter waren zum Prozess eigens aus Berlin nach Stuttgart angereist. Zwischen dem Urteil und seiner Vollstreckung lag ein weiteres Jahr, in dem Lilo Herrmann in das Berliner Frauengefängnis Barnimstraße verbracht wurde. Hier musste sie trotz angegriffener Gesundheit schwere körperliche Arbeit verrichten, war unzumutbaren Haftbedingungen ausgesetzt und wurde weiterhin verhört. Ihre letzten Lebenswochen verbrachte sie im Zuchthaus Berlin-Plötzensee.
Die Nachricht, dass gegen eine junge Mutter ein Todesurteil verhängt wurde, verbreitete sich rasch im Ausland. Die Internationale Rote Hilfe organisierte eine europaweite Solidaritätskampagne. Protestschreiben aus aller Welt trafen in Deutschland ein und forderten die Aufhebung des Urteils. Damit ihr Sohn seine Mutter nicht verlieren sollte, verfasste Lilo Herrmann ein Gnadengesuch, das am 14. Juni 1938 von Adolf Hitler abgelehnt wurde.
Am 20. Juni 1938 wurde Lilo Herrmann im Alter von knapp 29 Jahren gemeinsam mit Josef Steidle, Stefan Lovász und Artur Göritz in Berlin-Plötzensee unter dem Fallbeil hingerichtet.
Auch nach ihrem Tod blieb Lilo Herrmanns Bedeutung für den Widerstand gegen das NS-Regime lebendig. So wurden außerhalb Deutschlands als Reaktion auf ihre Hinrichtung Gedenkkundgebungen abgehalten und Flugblätter verteilt. Während Lilo Herrmann in der DDR offiziell als Antifaschistin verehrt wurde, tat sich der Westen mit dem Gedenken an sie schwer. Erst 1972 wurde eine kleine Straße in Stuttgart-Fasanenhof nach ihr benannt. Mittlerweile erinnern in mehreren Kommunen Straßen an sie. An ihrem fünfzigsten Todestag errichtete der Stadtjugendring Stuttgart 1988 für sie einen Gedenkstein nahe der Stuttgarter Universität. 2008 wurde vor dem ehemaligen Stuttgarter Wohnhaus ihrer Eltern ein Stolperstein für Lilo Herrmann verlegt.
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Anregungen zum Weiterlesen:
- HERVÉ, Florence: Mit Mut und List. Europäische Frauen im Widerstand gegen Faschismus und Krieg, Köln 2020.
- LETSCHE, Lothar: Liselotte (Lilo) Herrmann (1909–1938) – eine Stuttgarter Kommunistin gegen Aufrüstung und Krieg, in: Angela BORGSTEDT/Sibylle THELEN/Reinhold WEBER (Hrsg.): Mut bewiesen. Widerstandsbiographien aus dem Südwesten, Stuttgart 2017, S. 81–90.
- BUNDESARCHIV: 100. Geburtstag von Lilo Herrmann, virtuelle Ausstellung
Links:
- Linkes Zentrum: Lilo Hermann – Eine Stuttgarter Widerständskämpferin
Filmtipps:
Lilo Hermann – Biografisches Poem
Lilo Hermann - Biografisches Poem(YouTube)
Lilo Herrmann am 12.06.1937 zum Tode verurteilt