Das „Haus auf der Alb“ im Kontext der Sanatoriumsbauten

der 1920er- und 1930er-Jahre

Das „Haus auf der Alb“: Erholungsheim und Krankenhaus

Bürogebäude, Tagungszentrum, Erholungsheim oder Sanatorium – das „Haus auf der Alb“ weckt Assoziationen an unterschiedlichste Bautypen. Tatsächlich wurde es 1929/30 als Kaufmannserholungsheim in Bad Urach gebaut, zeitgleich mit zahlreichen Sanatorien im In- und Ausland, die in den 1920er- und 1930er-Jahren entstanden und allesamt spezifische funktionale und ästhetische Aspekte aufweisen. Die sich gleichenden Gästezimmer, nebeneinander an langen Gängen liegend sowie das Funktionsschema des Gebäudes, das durch das zentrale Treppenhaus mit Aufzug den Gäste- vom Wirtschaftstrakt unterscheidet, ermöglichten die Nutzung des Gebäudes in Kriegszeiten als Lazarett und in der Nachkriegszeit bis 1950 als Versorgungskrankenhaus.

Nach oben

Architektonische Aspekte

Der Architekt Adolf Schneck beabsichtigte eine gesundheitsfördernde und soziale Architektur, die den Feriengästen Erholung bringen und gesellschaftliche Unterschiede vergessen lassen sollte. Gymnastikhalle, Sonnenterrasse, lichtdurchflutete Gemeinschaftsräume, zur Südseite ausgerichtete, gleichwertige Gästezimmer sowie Schwimmbecken und Sportplatz im Freien erfüllten diese Anforderungen.

Die Gemeinschaftsräume waren dabei besonders hervorgehoben, ragen sie doch bauplastisch aus dem Gesamtkomplex hervor. Auf Pfeilern ruhend, die die unteren, ehemals als Gymnastikraum genutzten Bereiche mit dem Außenraum verbinden, befanden sich Sonnenterrasse, Speisesaal und Aufenthaltsräume im Geschoss darüber. Letztere sind von drei Seiten von großen Fensterflächen umgeben. Unmittelbar davor befanden sich Liegewiese, Außenschwimmbecken und Sportplatz.

Die prominente Herausstellung der Gemeinschaftsräume sowie der optische und räumliche Zusammenhang von Gesellschaftsräumen und Außenanlagen betonten soziale und gesundheitsorientierte Aspekte. Die Loslösung des Gebäudeteils vom Grund mittels Pfeilern unterstreicht dies ebenso, forderte doch Le Corbusier in seinem städtebaulichen Konzept „La ville radieuse“ von 1935 vehement die Trennung von Haus und Boden durch „Pilotis“ (Säulen), die das Haus vom feuchten, krankheitsbegünstigenden Erdreich fernhalten sollten.

Nach oben

Topographie

Wie für Krankenhäuser, Sanatorien und Erholungsheime des beginnenden 20. Jahrhunderts charakteristisch, zeichnet sich auch das „Haus auf der Alb“ durch seine besondere Topographie aus. Abseits von Stadt und Siedlungen, die für hygienisch unvorteilhafte Verhältnisse standen, liegt es erhöht auf dem Bad Uracher „Schänzle“, an den Hängen der Schwäbischen Alb und umgeben von Wald.

Diese herausragende Lage ging einher mit dem Wunsch des Architekten nach kapitaler Besonnung vieler Gebäudeteile, allen voran der Gästezimmer mit vorgelagertem und durchgehendem Balkon. Die Balkongeländer sind dabei nicht etwa geschlossene Elemente. Die horizontal ausgerichteten, schmalen Streben geben den erholsamen Blick frei in das Seeburger Tal samt Wiesen, Wäldern und Fluss. Ein Blick, der auch in liegender Position aus den Betten der Feriengäste genossen werden konnte.

Dieser Aspekt wurde besonders bei Sanatorien dieser Zeit bedacht, befanden sich doch Patienten zumeist in horizontaler und nicht in vertikaler Lage.

 

Nach oben

Die Geburt des „Neuen Bauens“ aus der Medizin

Die Architektur im beginnenden 20. Jahrhundert wurde vom kranken Menschen her gedacht. Krankheit und Erholungsbedürfnis wurden in der Moderne, in der die Konsequenzen der Industrialisierung auf die menschliche Gesundheit deutlich wurden und medizinisches Wissen zunahm, nicht mehr als Ausnahme gesehen.

Lungenkrankheiten wie Tuberkulose oder Rachitis waren stark verbreitet und verschiedene Krankheitsstadien wurden als integraler Bestandteil menschlichen Daseins anerkannt. Unterschiedlichste Leiden physischer und psychischer Art definierten den modernen Menschen.

Nach oben

Hygienische Faktoren

Anders als heutzutage war Bauen im beginnenden 20. Jahrhundert vielmehr ein hygienisches als ein energetisches Anliegen. Neue medizinische Erkenntnisse rund um Lungenkrankheiten wie Tuberkulose beeinflussten die damalige Architektur. Sonnenlicht könne Bakterien töten und auch die Heilung von Rachitis unterstützen. Die gleichmäßige Dosierung frischer Luft sollte die Lunge gesunden lassen.

So wurde der Drang nach „Licht, Luft, Sonne“ der wichtigste Aspekt der Architekturmoderne. Nicht zufällig entwickelten sich Krankenhäuser, Erholungsheime und Sanatorien in den Folgejahren zu eindrucksvollen Beispielen solaren Bauens.

„Licht, Luft, Sonne“ - drei eindrucksvolle Beispiele solaren Bauens:

Die Folge war die besondere Berücksichtigung des Sonnenlichteinfalls. Zimmer wurden nach Süden oder Südosten ausgerichtet, Dachterrassen und Balkone als Licht- und Luftbäder konzipiert. Gerade die Dachterrassen waren Hauptausstattung moderner Heilstättenarchitektur, galten doch Frischluft und Sonnenlicht als besonders therapiefördernd. Oftmals waren die Dachterrassen aus Sicherheitsgründen durch bauliche Elemente abgesperrt – möglicherweise auch, um die manchmal lebensmüden Patienten davon abzuhalten, sich vom Dach zu stürzen. Die Entdeckung von Antibiotika wie Streptomycin enthüllte allerdings die geringe wissenschaftliche Begründung der Luft- und Sonnentherapie.

Zudem unterstützen Krankheiten wie Tuberkulose die Moderne dabei, „modern“ zu werden. Formale Entscheidungen auch der Inneneinrichtungen und Möbel hatten nicht zuletzt hygienische Gründe. Oberflächen, die Staub anziehen, sollten reduziert werden, Waschbecken sollten das Verspritzen und Überschwappen von Wasser vermeiden, Wasser sollte lautlos laufen, um Patienten nicht in ihrer Ruhe zu stören. Auch Sessellehnen sollten so geformt sein, dass das Abhusten erleichtert werden sollte.
Das gesamte Gebäude funktionierte wie ein medizinisches Instrument. Die Raumgestaltung wurde vom liegenden Patienten her entwickelt: Deckenfarben sollten beruhigen, Lichtquellen außerhalb des Gesichtsfeldes liegen und die Heizung zu den Füßen des Patienten hin orientiert sein. In liegender Position und vom Bett aus sollte die Aussicht auf die Landschaft möglich sein und Geländer den Blick in die Natur freigeben.

Nach oben

Psychologische Faktoren

Auch psychologische Faktoren spielten in der Architektur eine wichtige Rolle. Heilanstalten waren transparente Gebäude mit Ausblicken und weiten offenen Raumeindrücken, die eine beruhigende und klärende Wirkung hatten. Auch die Schriften Sigmund Freuds wurden zu Beginn des 20. Jahrhunderts publiziert und fielen zeitlich etwa zusammen mit der Entdeckung der Röntgenstrahlen, dem Aufkommen der Bakteriologie und der Keimtheorie von Krankheiten. Allesamt bezogen sie sich auf das Innere des Menschen und erkannten dessen Unsichtbarkeit an. Die moderne Architektur reagierte auf diese neue Unsichtbarkeit mit hellen, transparenten Bildern – rein, klar und durchscheinend in einer Art visuellen Hygiene. Das Weiß der modernen Architektur ist zweifellos das der Kliniken, Sauberkeit demonstrierend.

Autorin: Jutta Fischer, Metzingen | Aufbereitung für das Netz: Internetredaktion der LpB (November 2020)

Nach oben