Frida Straub (1914–1986)

Protagonistin der „Geislinger Weiberschlacht“ von 1941/42

Das Leben von Frida Straub, geb. Renner, verlief so unspektakulär wie das vieler Frauen ihrer Generation auf dem Land. An einem Punkt aber hat sie besonderen Mut bewiesen und ein bemerkenswertes Zeichen gesetzt: Mitten im Zweiten Weltkrieg wehrte sie sich 1941/42 zusammen mit anderen Müttern aus der Gemeinde Geislingen bei Balingen gegen die Schließung des örtlichen katholischen Kindergartens durch die Nationalsozialisten. Frida Straub schrieb sogar einen Brief an den württembergischen Innenminister. Das kollektive öffentliche Vorgehen der jungen Frauen gegen die NS-Kindergartenpolitik ging als „Geislinger Weiberschlacht“ in die Geschichte ein.

Frida Renner kam am 12. Juni 1914 in der Gemeinde Geislingen zur Welt. Kindheit und Jugend waren geprägt von der dörflichen Struktur und vom Katholizismus. Nach der Volksschule arbeitete sie in einer Balinger Schuhfabrik, später als Näherin in Heimarbeit. 1938 heiratete sie den drei Jahre älteren Wilhelm Straub aus einem Nachbarort, 1940 kam Tochter Annerose zur Welt. Das private Glück endete jäh, als Wilhelm im September 1941 als Soldat an der Ostfront starb. Frida Straub musste nun allein für sich und die Tochter sorgen. Kraft schöpfte sie aus ihrem Glauben.

Auch für viele andere Familien in Geislingen war der Glaube von großer Bedeutung. Man war daher froh, dass es im Ort einen katholischen Kindergarten gab, geführt von Vinzen-tinerinnen aus dem Kloster Untermarchtal. Es war ein Schock, als am 1. Dezember 1941 bekannt wurde, dass der Kindergarten von der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt (NSV) übernommen werden sollte. Rund fünfzig Frauen aus Geislingen zogen noch im Lauf des Tages zum Rathaus, um Genaueres zu erfahren und gegen den Abzug der Ordensschwestern zu protestieren. Die Stimmung war brisant. Zeitzeuginnen berichteten, dass Hitlerbilder an der Wand umgedreht und die Männer in den Amtsstuben als „Drückeberger“ beschimpft wurden, weil sie nicht an der Front waren. Einige Frauen fuhren sogar mit dem Bus nach Balingen zum Landrat und zum NS-Kreisleiter. Aber überall wurden sie abgewiesen. Man wisse nichts von der Übernahme des Kindergartens – eine Lüge! Am nächsten Morgen versammelten sich 150 bis 200 Frauen abermals vor dem – nun verschlossenen – Geislinger Rathaus. Offenbar ging von dort ein Anruf an den Landrat, der die Gendarmerie nach Geislingen schickte und die Außenstelle der Geheimen Staatspolizei (Gestapo) verständigte. Kurz darauf fuhren mehrere Autos mit Landjägern und Gestapo-Leuten vor. Diese gingen sofort mit Gewalt gegen die versammelten Geislingerinnen vor, traten und schlugen sie. Mehrere Frauen wurden festgenommen und wegen „beleidigender Ausdrücke“ mindestens acht Tage inhaftiert. Die anderen mussten unterschreiben, künftig nicht mehr an solchen Demonstrationen teilzunehmen. Bemerkenswert ist, dass an dem Protest auch zahlreiche Frauen beteiligt waren, die keine Kinder in dem Kindergarten hatten.

Auch Frida Straub hatte ihre Tochter nicht in dem Kindergarten. Es ist auch gar nicht sicher, ob sie bei den öffentlichen Protesten überhaupt dabei war. Aber sie war erbost über das Vorgehen der Machthaber, und ihren Zorn wandelte sie in Mut. Am 6. Januar 1942 schrieb sie einen Brief an den württembergischen Innenminister und machte darin ihrer Empörung Luft. Darin hieß es: „Wir Geislinger Frauen hängen an unseren Schwestern, wir wollen sie behalten und auch in der Zukunft unsere Kinder zu ihnen in den Kindergarten schicken. […] Auch dem Kreisleiter haben wir unsere Wünsche vorgetragen; dieser Wunsch, der der Wunsch aller Geislinger Frauen ist, deren Männer zur Zeit im Osten gegen den Bolschewismus kämpfen und sterben, hat man damit abgetan, dass am andern Tag das Überfall
kommando von Oberndorf nach Geislingen gekommen ist. Die Beamten des Überfallkommandos haben die Geislinger Frauen in der schändlichsten Weise behandelt. Man hat unsere Frauen ins Gesicht geschlagen, dass sie aus dem Munde bluteten und nach acht Tagen noch Spuren dieser Misshandlung aufwiesen. […] Und nun, Herr Innenminister, bitte sorgen Sie dafür, daß die Geislinger wieder ihren Kindergarten und ihre Kinderschwestern bekommen. Darum bitte ich Sie und mit mir alle Frauen in Geislingen, deren Männer im Felde stehen und zum Teil schon ihr Leben oder ihre Gesundheit geopfert haben.“

Dieser Brief hätte unabsehbare Folgen für Frida Straub haben können. Es passierte aber offenbar nichts. Der spontane Aufstand der Geislinger Frauen konnte den NSV-Kindergarten zwar nicht verhindern, aber es blieb ihnen ein anderes Mittel: Statt der bisher 140 Kinder schickten die Geislinger Mütter nur noch rund zehn in die NSV-Einrichtung. Trotz Einschüchterung und Repressalien wie der Streichung der Kinderbeihilfe dauerte der Boykott bis zum Ende des „Dritten Reiches“ an. Danach kehrten die Vinzentinerinnen nach Geislingen zurück. Nun besuchten wieder bis zu 170 Kinder den katholischen Kindergarten.

Frida Straub und die anderen Geislinger Frauen führten nach 1945 ein unauffälliges Leben, bewältigten ihren Alltag als Bäuerinnen, Hausfrauen und Mütter oder nähten in Heimarbeit. In der Öffentlichkeit waren die „Geislinger Weiberschlacht“ und deren couragierte Teilnehmerinnen bald vergessen. Erst 2011 arbeitete eine Geislinger Projektgruppe dieses besondere Beispiel von Mut und Protest in der NS-Kriegsgesellschaft auf.

Frida Straub hat nach dem frühen Tod ihres Mannes nicht mehr geheiratet. Im Alter von 72 Jahren starb sie am 18. November 1986 in Geislingen. sie am 18. November 1986 in Geislingen.

Download der Kurzbiographie (PDF)

Anregungen zum Weiterlesen:

  • DOWE, Christopher: Die „Geislinger Weiberschlacht“ – Mütter im Kampf um ihre Kinder, in: Angela BORGSTEDT/Sibylle THELEN/Reinhold WEBER (Hrsg.): Mut bewiesen. Widerstandsbiographien aus dem Südwesten, Stuttgart 2017, S. 449–455.

  • HÄGELE, Annegret: Die „Geislinger Weiberschlacht“ 1941. Frauen im Aufstand gegen die NS-Kindergartenpolitik, hrsg. von Oliver Schmid, Oliver Juriatti und Alfons Koch in Zu-sammenarbeit mit der Projektgruppe „Geislinger Weiberschlacht“, Geislingen/Mössingen 2011.

  • MAYER, Ines/GRUPP, Dieter: Frida Straub und die „Geislinger Weiber“, in: Politik & Unterricht, Heft 1/2019: Praxis des Widerstands 1933 bis 1945. Formen widerständigen Verhaltens in Südwestdeutschland, S. 30 f.

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