Clara Immerwahr-Haber (1870–1915)

Wissenschaftlerin mit Verantwortung und kompromisslose Pazifistin

Clara Immerwahr-Haber war ihrer Zeit voraus: Im Jahr 1900 wurde sie als erste deutsche Chemikerin promoviert. Nach der Heirat mit dem Chemiker Fritz Haber lebte sie zehn Jahre in Karlsruhe. Die Wissenschaftlerin zerbrach jedoch an der Rollenverteilung innerhalb ihrer Ehe und der Verantwortung ihres Mannes für die Erfindung von Giftgas als Kriegswaffe. Sein Engagement für die chemische Kriegsforschung hatte sie öffentlich kritisiert.

Clara Haber, geb. Immerwahr, wurde am 21. Juni 1870 auf einem landwirtschaftlichen Gut im schlesischen Polkendorf (heute Polen) als Jüngste von vier Geschwistern geboren. Die großbürgerlich-jüdische Familie war politisch und religiös liberal eingestellt. Der Vater war Chemiker und Landwirt, die Mutter für Haus und Kinder zuständig. Schon früh naturwissenschaftlich interessiert, besuchte Clara eine Höhere Töchterschule in Breslau. Nach dem Tod der Mutter zog sie als Zwanzigjährige mit ihrem Vater ganz dorthin. Bildung und Unabhängigkeit waren ihr wichtiger als eine frühe Ehe, etwa mit ihrem Tanzstundenfreund Fritz Haber. Da Abitur und Studium damals jungen Frauen noch nicht offenstanden, war der Umweg über den Abschluss des Lehrerinnenseminars die einzige Chance, an die Universität zu gelangen. Als Externe legte Clara an einem Breslauer Gymnasium die „Einjährige Prüfung“ (heute: Mittlere Reife) ab und erkämpfte sich mit 26 Jahren mit einer Sondergenehmigung den Status als Gasthörerin an der Universität Breslau. Ab 1896 besuchte sie Vorlesungen zur Experimentalphysik und wandte sich bald der Chemie zu. Als einzige Frau in naturwissenschaftlichen Seminaren wurde sie oft angefeindet – von Professoren, Kommilitonen und Teilen ihrer Familie, die für sie die traditionelle Rolle als Ehefrau und Mutter vorgesehen hatten. Ihr Vater  unterstützte sie hingegen finanziell und ideell.

Ein Sondererlass des Kultusministeriums ermöglichte der Gasthörerin die Promotion. An der Bergakademie Clausthal-Zellerfeld forschte Clara Immerwahr zur Löslichkeit von Quecksilber, Kupfer, Blei, Cadmium und Zink. Ihr Doktorvater und Förderer Richard Abegg bezog sie in seine Arbeiten ein. Im Jahr 1900 wurde Clara Immerwahr als erster Frau an der Universität Breslau und als erster deutscher Chemikerin überhaupt mit der Auszeichnung „magna cum laude“ die Doktorwürde verliehen. Erst acht Jahre später wurden Frauen in Preußen zum regulären Studium zugelassen.

1901 begegneten sich Clara Immerwahr und Fritz Haber auf einem Kongress in Freiburg wieder. Den Heiratsantrag des inzwischen ebenfalls promovierten Chemikers nahm sie nach langem Überlegen an. Haber hatte seit 1898 eine Professur an der Technischen Hochschule Karlsruhe inne, wo das Paar nach der Heirat lebte. Ihre Ehe hätte eine ideale Beziehung zweier Wissenschaftler werden können. Für Fritz Haber stand jedoch seine Karriere an erster Stelle. Seine Frau sollte ihm dafür den Rücken freihalten. Die hohe Miete für die repräsentative Wohnung ließ keine Anstellung von Dienstboten zu, so dass Clara Haber für die gesamte Hausarbeit zuständig war. Neben den Erwartungen ihres Mannes verhinderte auch der Widerstand der Laborkollegen ihre berufliche Zukunft. Sie vermisste die wissenschaftliche Arbeit, ihr Forscherdrang verkümmerte zunehmend. Der Versuch, ihrer Rolle als unterstützende Ehefrau gerecht zu werden und dabei ihre Eigenständigkeit zu bewahren, scheiterte spätestens mit der Geburt des gemeinsamen Sohnes im Jahr 1902. Fritz Haber ließ sie mit ihren Sorgen um das oft kranke Kind allein und  widmete sich der Wissenschaft. Clara Immerwahr-Haber blieben lediglich Vorträge über „Naturwissenschaft im Haushalt“ bei Karlsruher Bildungsvereinen.

1909 gelang Fritz Haber der fachliche Durchbruch bei der Ammoniaksynthese, für die er 1918 den Nobelpreis erhalten sollte. 1911 ernannte ihn die Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft in Berlin (Vorläuferin der heutigen Max-Planck-Gesellschaft) zum Direktor des Instituts für Physikalische Chemie und Elektrochemie. Mit dem Umzug nach Berlin wurde Clara Immerwahr-Haber noch stärker ins Häusliche gedrängt. Als Professorengattin aufzutreten und nicht mehr forschen zu dürfen, belastete sie sehr. Auch das unterschiedliche Wissenschaftsverständnis der beiden führte zu Spannungen. Während sie vor einer zu engen Allianz von Forschung und Wirtschaft warnte, ging es ihm vor allem um gute Kontakte zur chemischen Industrie, um seine Erfindungen auch zu vermarkten.

Im Ersten Weltkrieg wurde Fritz Haber der „Vater des Gaskriegs“. Beim weltweit ersten Einsatz des von ihm entwickelten Giftgases starben im April 1915 in der Schlacht von Ypern Tausende britische und französische Soldaten. Seine Frau nannte die Entwicklung und Anwendung von Giftgas „eine Perversion der Wissenschaft".

In der Nacht zum 2. Mai 1915 – nachdem ihr Mann seine Beförderung zum Hauptmann gefeiert hatte – nahm sich Clara Immerwahr-Haber im gemeinsamen Haus in Berlin-Dahlem mit seiner Dienstwaffe das Leben. Sie wurde nur 44 Jahre alt. Fritz Haber reiste noch an ihrem Todestag an die Ostfront.

Mit der „Clara-Immerwahr-Auszeichnung“ ehrt die Organisation „Internationale Ärzte gegen den Atomkrieg“ (IPPNW) seit 1991 Menschen, die sich trotz persönlicher Nachteile gegen Krieg und Rüstung einsetzen. In Karlsruhe wurde 2001 der Clara-Immerwahr-Haber-Platz eingeweiht.


Download der Kurzbiographie (PDF)

Anregungen zum Weiterlesen

  • LEITNER, Gerit von: Der Fall Clara Immerwahr. Leben für eine humane Wissenschaft. 2. Aufl., München 1994.
  • ROLOFF, Christine: Clara Immerwahr, verh. Haber (1870–1915). Erste deutsche Chemikerin, die an einer deutschen Universität promovierte, in: Anne SCHLÜTER (Hrsg.):Pionierinnen – Feministinnen – Karrierefrauen? Pfaffenweiler 1992,
    S. 93-95.
  • SZÖLLÖSI-JANZE, Margit: Fritz Haber 1868–1934. Eine Biographie, München 1998.

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