Reinhold Maier (1889–1971)

Südwestliberaler und erster Ministerpräsident Baden-Württembergs

Als Vorkämpfer des vereinigten Südweststaates und erster Ministerpräsident Baden-Württembergs zählt Reinhold Maier zu den wichtigsten Landespolitikern der Nachkriegszeit in Südwestdeutschland. In der Tradition der badischen und württembergischen Demokraten von 1848/49 sah Reinhold Maier seinen Einsatz für das neue Bindestrichland immer auch vor dem höheren Ziel der Überwindung regionaler Einzelinteressen und der Wiederherstellung eines föderalen vereinigten Deutschlands.

Reinhold Maier wurde am 16. Oktober 1889 in Schorndorf geboren und studierte Rechtswissenschaften in Grenoble und Tübingen. An der Universität Heidelberg wurde er zum Doktor der Rechte promoviert. Seit 1912 engagierte sich Maier in der liberalen Fortschrittlichen Volkspartei. Nach dem Ersten Weltkrieg, in dem er als Soldat gekämpft hatte, trat er der linksliberalen Deutschen Demokratischen Partei (DDP) bei. 1920 ließ er sich als Rechtsanwalt in Stuttgart nieder und wurde 1924 Mitglied einer Freimaurerloge. 1930 wurde er württembergischer Wirtschaftsminister in einer gesamtbürgerlichen Regierung aus Zentrum, Deutschnationaler Volkspartei, Bauernbund und DDP, die inzwischen nach rechts gerückt war und sich fortan Deutsche Staatspartei nannte. Maier war in diesem Amt maßgeblich daran beteiligt, dass Württemberg im Vergleich zu anderen deutschen Ländern verhältnismäßig gut durch die Weltwirtschaftskrise kam. Von 1932 bis 1933 war er Reichstagsabgeordneter für die Deutsche Staatspartei, gleichzeitig auch Mitglied des Landtags von Württemberg. Am 23. März 1933 stimmte er im Reichstag unter Verkennung der Radikalität der Nationalsozialisten und in der trügerischen Erwartung, die neuen Machthaber hielten sich an Recht und Gesetz, dem „Ermächtigungsgesetz“ zu.

Im „Dritten Reich“ litten Reinhold Maier und seine Familie unter der rassistischen Verfolgungspolitik der Nationalsozialisten. Unter dem Druck des Regimes musste sich Reinhold Maier von seiner Frau Gerta, geb. Goldschmidt, die aus einer angesehenen jüdischen Familie stammte, scheiden lassen. Mit beiden Kindern konnte sie nach England fliehen. 1946 heirateten die beiden wieder. Reinhold Maier selbst arbeitete während des „Dritten Reichs“ als Rechtsanwalt, musste aber zusehends Einschränkungen bis hin zum Berufsverbot erdulden. Einer Vorladung zu einem Gestapo-Verhör in Stuttgart am 28. März 1945 entzog er sich und versteckte sich die letzten Kriegswochen auf der Ostalb.

Im September 1945 war Reinhold Maier einer der Mitbegründer der Demokratischen Volkspartei (DVP), aus der später die FDP/DVP wurde. Nur wenige Tage später wurde dem unbelasteten Rechtsanwalt von der amerikanischen Militärregierung das Amt des Ministerpräsidenten von Württemberg-Baden übertragen. Später wurde er vom Landtag in diesem Amt bestätigt und behielt es bis 1952. Noch am Tag der Gründung Baden-Württembergs, am 25. April 1952, wurde Reinhold Maier zum ersten Ministerpräsidenten Baden-Württembergs gewählt. In einem handstreichartigen Coup bootete er die CDU als stärkste Fraktion aus und schmiedete an diesem für die Christdemokraten „schwarzen Freitag“ eine Koalition aus FDP/DVP, SPD und der Vertriebenenpartei BHE. „Prinzipiell ist eine Koalition nie prinzipiell“, so Reinhold Maier damals. Er ist damit der einzige Ministerpräsident, den die FDP bislang in einem der deutschen Länder stellen konnte (sieht man von dem turbulenten Intermezzo von Thomas Kemmerich 2020 in Thüringen ab, der sich mit Stimmen der AfD ins Amt wählen ließ und wenig später zurücktreten musste).

Reinhold Maier vereinigte in seiner Person Organisationsgeschick, persönliche Integrität, politischen Scharfsinn und wirtschaftspolitische Expertise. Insofern war er wohl genau der richtige Mann für den rechtsstaatlichen und wirtschaftlichen Wiederaufbau im Südwesten. In der Bundespolitik stellte sich Maier gegen die von Konrad Adenauer betriebene Politik der Westbindung und Wiederbewaffnung, die er aus Furcht vor einer Zementierung der deutschen Teilung ablehnte. Als die CDU bei der Bundestagswahl im September 1953 die absolute Mehrheit gewann, trat Maier, der 1952/53 auch Präsident des Bundesrates und 1953 kurzfristig württembergischer Justizminister war, vom Amt des Ministerpräsidenten zurück. Sein Nachfolger wurde Gebhard Müller von der CDU. Maier gehörte noch bis 1964 dem Landtag von Baden-Württemberg und bis 1959 dem Bundestag an. Von 1957 bis 1960 war er Bundesvorsitzender der FDP, anschließend deren Ehrenvorsitzender.

Reinhold Maier starb am 19. August 1971 im Alter von 81 Jahren in Stuttgart. Heute sieht sich vor allem die Reinhold-Maier-Stiftung als parteinahe Stiftung der FDP in Baden-Württemberg dem Erbe des großen Südwestliberalen verpflichtet.


Download der Kurzbiographie (PDF)

Anregungen zum Weiterlesen:

  • BREHMER, Jörg: Reinhold Maier (1889–1971), in: Reinhold WEBER/Ines MAYER (Hrsg.): Politische Köpfe aus Südwestdeutschland, Stuttgart 2005, S. 267–276.

  • DAHRENDORF, Ralf: Reinhold Maier. Volksmann aus Württemberg, in: Liberale im Südwesten seit 1945. Ein Lesebuch zum 50-jährigen Bestehen der FDP/DVP in Baden-Württemberg, Konstanz 1995.

  • MATZ, Klaus-Jürgen: Reinhold Maier (1889–1971). Eine politische Biographie, Düsseldorf 1989.


Links:


Filmtipp:

Dr. Reinhold Maier – Porträt eines Politikers, Abendschau 1963.

Zum Video (SWR Retro)

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