Hannelore Hansch (1918–2007)

Liberale Theologin und Judenretterin

Hannelore Hansch war eine der frühen Theologinnen der Evangelischen Landeskirche in Baden und eine schon als Jugendliche engagierte Frau im Widerstand gegen den Nationalsozialismus. „Geistige Klarheit und Selbständigkeit des Erkennens, Denkens und Argumentierens waren ihr von früh an eigen und bewirkten in ihr auch ‚Widerständigkeit’“, so ihre Biographin Hilde Binz. Hannelore Hansch stellte nach 1945 die Strukturen und Hierarchien innerhalb der evangelischen Kirche ebenso in Frage wie die Wiederbewaffnung der jungen Bundesrepublik und die zivile Nutzung der Atomenergie.

Hannelore Hansch wurde am 15. Mai 1918 in Köln geboren und wuchs in einem weltoffenen, liberalen Elternhaus auf. Der Vater Fritz Gebhardt war Unternehmer, evangelischer Christ, die Mutter Thea Jüdin und mit dem späteren Bundesjustizminister Thomas Dehler verschwägert. Die Machtübernahme der Nationalsozialisten war für die Familie ein tiefer Einschnitt. Fritz Gebhardt wurde wegen seiner Ehe mit einer Jüdin entlassen. Er starb 1935 in New York, wohin die Familie hatte emigrieren wollen. Mit großer Mühe gelang es Thea Gebhardt dann kurz vor Beginn des Zweiten Weltkriegs, in die Schweiz zu entkommen.

1937 begann Hannelore Gebhardt, die stark von der Theologie Karl Barths geprägt wurde, ein Theologiestudium in Halle, das sie als „Halbjüdin“ aber nicht beenden durfte. Statt Vikarin zu werden, bewirtschaftete sie fortan einen Gutshof, den noch ihr Vater erworben hatte. Der Rittnerthof oberhalb von Karlsruhe wurde zum Treffpunkt der Kirchenopposition, vor allem der von ihr 1939 mitbegründeten „Theologischen Sozietät“ in Baden, und zur Zuflucht für Verfolgte des NS-Regimes. 1938 hatte Hannelore den Berliner Kurt Hansch geheiratet. Die Trauung musste wegen der nationalsozialistischen Rassegesetze in England stattfinden. Das Paar bekam drei Kinder.

Hannelore Hansch gehörte in der NS-Zeit einem oppositionellen Kreis um den Karlsruher Richter Gerhard Caemmerer an, der in seiner Wohnung verbotene Radiosender hörte und über eine postdiktatorische Rechtsordnung diskutierte. In diesen Gesprächskreis hatte sie auch ihren Onkel Thomas Dehler eingeführt. Hansch half zudem zwei jüdischen Frauen aus Berlin, die sich der drohenden Deportation entzogen hatten, und versteckte sie auf dem Rittnerthof. Die beiden Frauen, Beate Steckhan und Herta Pineas, entgingen auch Dank Hanschs Hilfe dem nationalsozialistischen Judenmord.

Nach 1945 war Hannelore Hansch sowohl in der badischen Landeskirche als auch in der Politik engagiert. Sie war 1958 Mitverfasserin der „Frankfurter Erklärung gegen die Atomrüstung“ und engagierte sich in der Ostermarsch Bewegung. Besonders stolz war sie darauf, dass die atomare Bedrohung 1958 zentrales Thema der noch gesamtdeutsch tagenden Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland wurde und dass dies vor allem Synodale durchgesetzt hatten, die während der NS-Zeit zur Bekennenden Kirche gehört hatten. 1967 trat sie in die FDP ein. In den Siebzigerjahren engagierte sie sich gegen die Planungen für ein Atomkraftwerk im südbadischen Wyhl. Darüber hinaus war sie von 1972 bis 1978 Mitglied der Synode der Badischen Landeskirche. Für ihre Hilfe für Verfolgte während der NS-Zeit wurde sie 1979 vom Staat Israel als „Gerechte unter den Völkern“ geehrt. Im selben Jahr wurde ihr auch das Bundesverdienstkreuz verliehen.

Hannelore Hansch starb am 17. November 2007 im Alter von 89 Jahren in Karlsruhe-Durlach.


Download der Kurzbiographie (PDF)

Anregungen zum Weiterlesen:

 

  • BINZ, Hilde: Hannelore Hansch geb. Gebhardt, in: Hartmut LUDWIG/Eberhard RÖHM (Hrsg.): Evangelisch getauft – als „Juden“ verfolgt. Theologen jüdischer Herkunft in der Zeit des Nationalsozialismus, Stuttgart 2014. S. 144–145.
  • BORGSTEDT, Angela: Hannelore Hansch (1918–2007) – eine Karlsruher Theologin versteckte zwei jüdische Frauen, in: DIES./Sibylle THELEN/Reinhold WEBER (Hrsg.): Mut bewiesen. Widerstandsbiographien aus dem Südwesten, Stuttgart 2017,
    S. 313–320.
  • LALLATIN, Birgit: Zeitzeugen 1945. Hannelore Hansch und Hannelis Schulte. Ein Beitrag für badische Kirchengeschichte im 2. Weltkrieg und der Nachkriegszeit, in: Udo WENNEMUTH (Hrsg.): Unterdrückung, Anpassung, Bekenntnis. Die Evangelische Kirche in Baden im Dritten Reich und in der Nachkriegszeit, Karlsruhe 2009. S. 455–464.

Nach oben

Cookieeinstellungen
X

Wir verwenden Cookies

Wir nutzen auf unseren Websites Cookies. Einige sind notwendig, während andere uns helfen, eine komfortable Nutzung diese Website zu ermöglichen. Einige Cookies werden ggf. für den Abruf eingebetteter Dienste und Inhalte Dritter (z.B. YouTube) von den jeweiligen Anbietern vorausgesetzt und von diesen gesetzt. Gegebenenfalls werden in diesen Fällen auch personenbezogene Informationen an Dritte übertragen. Bitte entscheiden Sie, welche Kategorien Sie zulassen möchten.