Hanne Landgraf (1914–2005)
Politikerin mit sozialer Bodenhaftung

Soziales Engagement, Zivilcourage sowie der politische und konkrete Einsatz für benachteiligte Menschen zeichneten die Karlsruher Sozialdemokratin Hanne Landgraf aus. Von 1966 bis 1976 war sie Abgeordnete im Landtag von Baden-Württemberg, davon vier Jahre als einzige weibliche Mandatsträgerin.
Johanna (Hanne) Landgraf, geb. Siebert, wurde am 14. Oktober 1914 in Karlsruhe als erstes von sechs Kindern in eine sozialdemokratische Familie geboren. Ihre Eltern, der Schlosser Karl Siebert und seine Frau Frieda, betrieben dort die Kantine der Freien Spiel- und Sportvereinigung. Nach dem Abschluss der Volksschule 1929 belegte Hanne Kurse in Maschinenschreiben und Stenographie. Damit erhielt sie eine Anstellung bei der Eisenbahnergewerkschaft. Bei der „Freien Turnerschaft“ engagierte sie sich als Kinderturnwartin und dafür, dass auch Frauen auf den bis dahin rein männlichen „Turntagen“ zum Zuge kamen.
Die Machtübernahme durch die Nationalsozialisten 1933 stürzte die Familie in große Not: Hanne Landgraf wurde wegen politischer Unzuverlässigkeit gekündigt, die von den Eltern betriebene Kantine samt Wohnung von der SA beschlagnahmt und der Vater mehrfach verhaftet. Erst 1936 fand Hanne wieder eine Anstellung als Sekretärin, die sie bis zum Kriegsende behielt. Mitten im Zweiten Weltkrieg heiratete Hanne Siebert 1942 Rolf Landgraf, der seit 1939 als Soldat eingezogen war und erst 1948 aus der Kriegsgefangenschaft zurückkehrte. In der Notzeit nach dem Zweiten Weltkrieg engagierte sich Hanne Landgraf trotz Schwangerschaft und Geburt der Tochter 1945 tatkräftig – und ehrenamtlich – in der Karlsruher Bezirksverwaltung Innenstadt. Hier betreute sie ehemalige KZ-Häftlinge und heimkehrende Soldaten, vermittelte Wohnungen und gab Kleider aus. Mit den Erfahrungen des materiellen Elends und der Verfolgung im Rücken und motiviert durch ihre sozialdemokratische Überzeugung gehörte sie 1946 gemeinsam mit ihrem Vater zu den Neugründern der Arbeiterwohlfahrt (AWO) in Karlsruhe. Lange Jahre war sie Vorsitzende des AWO-Kreisverbands und stellvertretende Vorsitzende im Bezirksverband Baden. Praktische soziale Arbeit leistete sie etwa als Leiterin des AWO-Waldheims, das in der Nachkriegszeit hunderten Kindern, die von Kriegsfolgen und Hunger betroffenen waren, Zuflucht bot.
1946 trat Hanne Landgraf in die SPD ein, 1953 wurde sie in den Karlsruher Gemeinderat gewählt. 1959 folgte sie ihrem politischen Vorbild Kunigunde Fischer als Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft sozialdemokratischer Frauen in Karlsruhe. 1966 wurde Hanne Landgraf als Nachrückerin Abgeordnete im Landtag von Baden-Württemberg. Da ein SPD-Beschluss Doppelmandate verbot, musste sie ihren Sitz im Gemeinderat 1968 aufgeben. Bis 1976 vertrat Hanne Landgraf im Landtag die SPD, war Fraktionssprecherin für Jugendfragen, setzte sich für ein modernes Jugendrecht ein und gab wichtige Impulse für die Suchtbekämpfung oder die Interessenvertretung von Menschen mit Behinderung. Von 1968 bis 1972 war sie die einzige weibliche Abgeordnete im Landesparlament. Dieser „Skandal“ führte 1969 zur Gründung des Landesfrauenrats Baden-Württemberg. Der große Dachverband kämpft seit dieser Zeit für eine angemessene Vertretung von Frauen im Stuttgarter Landtag.
In Karlsruhe steht Hanne Landgrafs Name für das lebenslange Engagement für Menschen in Not, soziale Gerechtigkeit und Chancengleichheit. Ein besonderes Anliegen war ihr der Kampf gegen Kinderarmut. Benachteiligte Menschen suchte sie persönlich auf, hörte deren Nöte, kümmerte sich um Unterstützung und verschaffte den Betroffenen Gehör in Öffentlichkeit, Kommunalpolitik und im Landtag. Als Hanne Landgraf nach langen Jahren den Vorsitz des Landesausschusses des Müttergenesungswerks abgab, sagte sie: „Wir haben jetzt etwa 50 Prozent männliche Vertreter im Landesausschuss. Ich würde mir dieses Verhältnis auch für die Politik wünschen.“
Für ihr großes gesellschafts- und sozialpolitisches Engagement erhielt die „Gräfin“, wie Hanne Landgraf liebe- und respektvoll genannt wurde, zahlreiche Ehrungen. Neben dem Bundesverdienstkreuz wurde ihr etwa mit der Marie-Juchacz-Plakette die höchste Auszeichnung der AWO verliehen. 1993 wurde sie Ehrenbürgerin der Stadt Karlsruhe. Noch zu Lebzeiten legte Hanne Landgraf den finanziellen Grundstock zur Gründung der Hanne Landgraf Stiftung der AWO Karlsruhe zugunsten armer und sozial benachteiligter Kinder.
Hanne Landgraf starb am 19. Januar 2005 im Alter von neunzig Jahren in Karlsruhe.
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Anregungen zum Weiterlesen:
GUTTMANN, Barbara: Hanne Landgraf, in: „Zwischen Trümmern und Träumen“. Karlsruherinnen in Politik und Gesellschaft der Nachkriegszeit, hrsg. von der STADT KARLSRUHE, Karlsruhe 1997, S. 64–73.
HOCHREUTHER, Ina: Frauen im Parlament. Südwestdeutsche Abgeordnete von 1919 bis heute, hrsg. vom LANDTAG VON BADEN-WÜRTTEMBERG, 3. Aufl., Stuttgart 2012, S. 196–198.
KOCH, Manfred: Johanna (Hanne) Landgraf, in: Stadtlexikon Karlsruhe (2015, zuletzt abgerufen am 20.7.2020).