Anna Haag (1888–1982)
Schriftstellerin, Politikerin, Pazifistin

Der Schriftstellerin, Politikerin und Pazifistin Anna Haag (geb. Schaich) ist eine der großen demokratischen Errungenschaften der Nachkriegszeit zu verdanken: 1947 brachte die Sozialdemokratin den Gesetzentwurf zur Kriegsdienstverweigerung in den Landtag von Württemberg-Baden ein. Neben ihrem großen Einsatz für die Stuttgarter Bevölkerung in der Nachkriegszeit und für die politische Beteiligung von Frauen leistete sie damit einen wichtigen Beitrag für Frieden und Gerechtigkeit.
Anna Schaich wurde am 10. Juli 1888 in eine kinderreiche Lehrerfamilie in Althütte bei Backnang geboren. Außer einem zweijährigen Besuch der höheren Töchterschule blieb ihr – wie vielen anderen jungen Frauen ihrer Zeit – eine höhere Bildung und das Erlernen eines Berufs verwehrt. Durch intensive Lektüre bildete sie sich weiter und befasste sich früh mit sozialen Fragen. Ihrem Mann, dem Gymnasiallehrer Albert Haag, folgte sie an seine Dienstorte in Schlesien, Pommern und Bukarest und wurde dort als junge Mutter journalistisch aktiv.
Im Ersten Weltkrieg erlebte Anna Haag, wie unzählige Männer starben oder verstümmelt wurden. Dies wurde Basis ihrer pazifistischen Haltung und ihres Einsatzes für Völkerverständigung. Bereits 1915 wurde sie Mitglied der Internationalen Frauenliga für Frieden und Freiheit (IFFF), noch bevor eine deutsche Sektion der Organisation existierte. 1919 kehrte Anna Haag mit ihrer Familie nach Württemberg zurück und lebte in Nürtingen. Gemeinsam mit ihrem Mann trat sie in die SPD ein, überzeugt davon, als Frau für Demokratie, Frieden und Freiheit eintreten zu müssen. Ab 1926 in Stuttgart wohnend, veröffentlichte Anna Haag Erzählungen und Romane.
Ihre Hoffnung, nach dem Ersten Weltkrieg in einem demokratischen und friedliebenden Staat leben zu können, zerschlug sich mit dem Aufstieg der Nationalsozialisten. Schon früh warnte Anna Haag vor der Hitler-Partei, die für sie „die schlimmste Bedrohung für die Menschheit“ darstellte. Nach 1933 litten die Haags unter Schikanen: Albert Haag wurde 1934 aufgrund pazifistischer Äußerungen strafversetzt, seine Frau erhielt Publikationsverbot und entging nur knapp der Verhaftung. Über den gesamten Zweiten Weltkrieg hinweg dokumentierte Anna Haag in einem versteckt aufbewahrten Tagebuch ihren Alltag und beleuchtete akribisch die NS-Diktatur, deren Propaganda und Politik.
Die Frage, wie eine gebildete Nation sich derart für eine verbrecherische Ideologie begeistern konnte, ließ ihr keine Ruhe. Im Stuttgarter Haus der Haags trafen sich immer wieder Regimegegner zum verbotenen Hören von BBC-Radiosendungen. Kurz vor Kriegsende schwor Anna Haag in ihrem Tagebuch, nach der Befreiung von der Nazi-Herrschaft aktiv am demokratischen Neubeginn mitwirken zu wollen. Noch 1945 organisierte sie die Wiederbegründung des Stuttgarter Zweigs der Internationalen Frauenliga für Frieden und Freiheit. Als Mitglied der SPD engagierte sie sich im städtischen Beirat in Stuttgart, einem Vorläufer des Gemeinderats, vor allem für die Versorgung der ausgehungerten Bevölkerung. Anna Haag monierte, dass die aus dem Krieg heimgekehrten Männer schnell wieder in die Politik zurückströmten: In der 1946 mit Lizenz der Militärregierung gedruckten Broschüre „Und wir Frauen?“ rief sie Bürgerinnen dazu auf, aktiv in der Politik mitzuarbeiten und proklamierte einen „Aufbruch der Frauen“, um “die fürchterliche Niederlage in einen Sieg“ umzuwandeln. Auch die ab 1949 erscheinende Zeitschrift „Die Weltbürgerin“ nutzte Anna Haag als Plattform, um Frauen zur politischen Beteiligung zu motivieren.
1947 wurde Anna Haag als eine von nur zwei Frauen in den Landtag von Württemberg-Baden gewählt. Von zwei Weltkriegen geprägt, war ihr wichtigstes Anliegen die Entmilitarisierung Deutschlands und die Einführung des Rechts auf Kriegsdienstverweigerung. Trotz lauter Gegenstimmen erreichte sie, dass diese Verfassungsänderung im Landtag gebilligt wurde. Haag war damit Vorkämpferin des 1949 im Grundgesetz verankerten Artikels 4, Absatz 3: „Niemand darf gegen seinen Willen zum Kriegsdienst mit der Waffe gezwungen werden.“ Mit der Arbeitsgemeinschaft „Stuttgarter Frauen helfen bauen“ legte die Sozialdemokratin 1949 einen Grundstein gegen die Wohnungsnot in der zerstörten Stadt. Ein 1951 auf ihre Initiative hin erbautes Heim für wohnungslose junge Frauen wurde laufend weiterentwickelt. Dieses „Anna Haag Haus“ gilt heute als ältestes Mehrgenerationenhaus in Deutschland. „Denkt daran, wir Frauen müssen es machen!“, war ein Kernsatz von Anna Haag. Unter ihrer Federführung entstanden soziale Projekte und Verbände wie der Deutsch-Amerikanische Frauenverein. Auf Vortragsreisen in die USA warb sie für eine Rehabilitation des demokratischen Nachkriegsdeutschlands.
Am 20. Januar 1982 starb Anna Haag im Alter von 93 Jahren in Stuttgart.
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Anregungen zum Weiterlesen:
- GALASCH, Christa: Anna Haag (1888–1982). Pazifistin und Weltbürgerin, in: Birgit KNORR/Rosemarie WEHLING (Hrsg.): Frauen im deutschen Südwesten, Stuttgart 1993, S. 217–221.
- HAAG, Anna: Das Glück zu leben. Erinnerungen an bewegte Jahre, Stuttgart 1968.
- HAAG, Anna: Leben und gelebt werden. Erinnerungen und Betrachtungen (erw. Ausgabe ihrer Memoiren), hrsg. von Rudolf Haag, Tübingen 2003.
- HAAG, Anna: „Denken ist heute überhaupt nicht mehr Mode“. Tagebuch 1940–1945, Gerlingen 2021.
- RIEPL-SCHMIDT, Maja: Anna Haag, geborene Schaich – Die Friedensfrau, in: DIES.: Wider das verkochte und verbügelte Leben. Frauenemanzipation in Stuttgart seit 1800, Stuttgart 1990, S. 247–254.