Ernst Otto Osswald (1880–1960)

Erstes Sichtbeton-Hochhaus der Welt

Mit dem Tagblattturm in Stuttgart realisierte Ernst Otto Osswald sein revolutionärstes Bauwerk. Als erstes Stahlbetonhochhaus Deutschlands und erstes Sichtbetonhochhaus der Welt wurde es zu einem Wahrzeichen der württembergischen Landeshauptstadt. Neben diesem Symbol des „Neuen Bauens“ baute der Architekt ebenso Mietshäuser im Stuttgarter Westen sowie Stadtvillen im „International Style“.

    Geboren als Sohn eines Bauhandwerkers im Stuttgarter Westen machte Ernst Otto Osswald zuerst eine Ausbildung zum Steinmetz. Anschließend studierte er an der württembergischen Baugewerkeschule in Stuttgart, wo er 1905 sein Diplom ablegte. Die „Königlich württembergische Baugewerkeschule“, die sich 1924 in „Staatliche Höhere Bauschule Stuttgart“ umbenannte, war die zweite wesentliche Ausbildungsstätte für Ingenieure und Architekten neben der Technischen Hochschule. Nach seinem Studium war Ernst Otto Osswald einige Zeit bei dem Architekten Theodor Fischer (1862–1938) beschäftigt und wirkte beim Projekt des Kunstgebäudes am Schlossplatz mit. Theodor Fischer war für einige Vertreter der Stuttgarter Schule impulsgebend und lehrte von 1901 bis 1908 an der Technischen Hochschule. Osswald machte sich mit 28 Jahren selbständig und baute überwiegend Mietshäuser im Stuttgarter Westen, so etwa die heute als Kulturdenkmäler ausgewiesenen Gebäude von 1912/13 im Viertel der Arndt-, Bebel-, Moltke- und Claudiusstraße. Diese frühen Bauten sind noch im Stil britischer oder niederländischer Reformarchitektur entstanden und weisen barocke, klassizistische oder expressionistische Elemente der Fassadengliederung auf. 

      In den 1920er Jahren, in denen Osswalds architektonisches Hauptwerk gebaut wurde, wählte er auch für weitere Objekte den Stil der „Neuen Sachlichkeit“. So entstanden etwa das Wohnhaus Freytag im Gänswaldweg 6, der heute zerstörte Verwaltungsbau der Großhandlung Eisen-Fuchs im Norden Stuttgarts, der den Krieg zwar überstand, aber 1973 ohne Anhörung der Denkmalpflege abgerissen wurde.

        Auch das 1930 gemeinsam mit Oscar Heinitz realisierte ehemalige Telegrafenamt in der Neckarstraße 145 ist ein Projekt des „Neuen Bauens“.

        Osswald, der nicht in die NSDAP eintrat, erhielt in der Zeit des Nationalsozialismus keine Großaufträge, da seine Architektur nicht den seit 1933 propagierten völkischen Vorstellungen entsprach. Ab 1931 ging er einer Tätigkeit als Baubeamter, als „Postbaurat“ nach. Obwohl der Tagblattturm alles andere als die nationalsozialistischen Vorstellungen von Architektur

        Der „Wolkenkratzer für republikanische Zeitungsleser“, wie das Gebäude zur Entstehungszeit genannt wurde, ging auf einen Wettbewerb zurück, an dem neben den führenden Stuttgarter Architekten Paul Bonatz (1877–1956), Hugo Keuerleber (1883–1949) und Heinz Wetzel (1882–1945) auch Adolf Schneck (1873–1971), der Architekt des „Haus auf der Alb“, teilnahm. Auftraggeber des renommierten Projektes war das „Stuttgarter Neue Tagblatt“, die größte Tageszeitung Württembergs, die in den 1920er Jahren eine Auflage von 70.000 Exemplaren erreichte. Das Blatt war nach dem Ende der Monarchie demokratisch-liberal ausgerichtet und wurde von Carl Esser (1874–1939), der Osswald zu seinem Freundeskreis zählte, geleitet. Die ersten Überlegungen zu dem Hochhausbau kamen von Richard Döcker (1894–1968) und Hugo Keuerleber, die sich sogar 15 Hochhäuser an markanten Stellen Stuttgarts vorstellen konnten.

        Impulsgebend waren auch Nachrichten von Beispielen amerikanischer Hochhausarchitektur wie dem Chicago Tribune Tower, der 1923 bis 1925 mit 36 Geschossen gebaut wurde. Für seinen Entwurf orientierte sich Osswald an zeitgenössischer Hochhausarchitektur in Deutschland, dem Wilhelm-Marx-Haus von 57 Meter Höhe in Düsseldorf sowie dem Hansahochhaus in Köln. Carl Esser hielt schließlich an Osswalds Entwurf fest und der Stuttgarter Gemeinderat stimmte 1927 mit 33 zu 22 Stimmen dem Bauantrag zu. Am 5. November 1928, einen Monat nach dem benachbarten Kaufhaus Schocken von Erich Mendelsohn (1887–1953), wurde der Tagblattturm eröffnet. Mit 61 Metern Höhe, 15 Voll- und drei Dachgeschossen überragte das Pressehaus sowohl den Bahnhofsturm als auch die Stiftskirche.

        Als weltweit erstes, aus Sichtbeton gebautes Hochhaus steht es auf platzsparendem hakenförmigem Grundriss. Ab dem zweiten Obergeschoss springt die Fassade erkerartig hervor und fünfteilige Fensterbänder gliedern die Fassade horizontal. Hinter den durchlaufenden Fensterbändern befinden sich die Großraumbüros, während hinter den Einzelfenstern der unteren Geschosse Einzelräume liegen. Durch die kubische Staffelung der oberen Geschosse wird ein durchgängiges Flachdach vermieden. In ihrer Sachlichkeit ähnelt die Architektur des Tagblattturms dem Dessauer Bauhausgebäude von Walter Gropius (1883–1969). Nachdem seit 1900 Stuttgarts Straßenbeleuchtung elektrifiziert wurde, setzte man Beleuchtung auch zu Werbezwecken ein. So erhielt die Fassade des Tagblattturms sowohl eine effektvolle Röhrenbeleuchtung als auch die beleuchtbaren Lettern „TAGBLATT“ sowie das Signet eines springenden Hirsches, welches das Gebäude bis heute ziert.

        Mit dem  Pressehochhaus des Stuttgarter Neuen Tagblatts wurde Ernst Otto Osswald weit über seine Heimatstadt hinaus bekannt. 1946 wurde ihm als Würdigung seiner architektonischen Leistungen eine Professur an der Technischen Hochschule angeboten. Diese trat er unter anderem aus Altersgründen nicht an.

        Vier Jahre nachdem er sein Architekturbüro aufgelöst hatte, starb er 1960 in Stuttgart.


        Anregungen zum Weiterlesen:

        • Breig, Christine: Der Villen- und Landhausbau in Stuttgart 1830–1930, in: Veröffentlichungen des Archivs der Stadt Stuttgart, Bd. 84, Stuttgart 2004.

        • Breuer, Judith/Reiff, Angelika: Der Tagblattturm. Seit 1928 neu-sachliches Wahrzeichen Stuttgarts, in: Denkmalpflege in Baden-Württemberg ? Nachrichtenblatt der Landesdenkmalpflege, Bd. 50, Nr.1, Stuttgart 2021.

        • Fuchs-Röll, Willy P.: Bauten von Architekt E.Otto Osswald, Berlin-Charlottenburg [ca. 1930].

           


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        Autorin: Jutta Fischer, Metzingen / Aufbereitung für das Netz: Internetredaktion der LpB

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