Christa Reetz (1922–2009)

Bürgerrechtlerin und Umweltschützerin

Christa Reetz engagierte sich seit den 1970er-Jahren in den Bürgerinitiativen der badisch-elsässischen Anti-Atomkraft-Bewegung. Für die damals neu gegründete Partei „Die Grünen“ übernahm sie Anfang der 1980er-Jahre ein Mandat im Offenburger Gemeinderat. Als 1983 28 Abgeordnete für die Ökopartei zum ersten Mal in den Deutschen Bundestag einzogen, gehörte auch Christa Reetz zu ihnen. Aber die parlamentarische Bühne war ihr im Grunde fremd. Ihr Schwerpunkt blieb die lokale und regionale politische Basisarbeit in den umweltpolitischen und feministischen Bürgerinitiativen vor Ort.

Christa Reetz, geb. Eckstein, wurde am 16. November 1922 als Tochter eines Finanzbeamten und einer Hausfrau in Arnstadt, einer Kleinstadt in Thüringen, geboren. Dort wuchs sie auf und erlebte ihre Kindheit und Jugend während des Nationalsozialismus wie viele andere politisch unbedarft. Eine abgebrochene Gymnasialzeit, der halbjährige Besuch einer Sprachenschule in Leipzig 1938/39, schließlich das nachgeholte Abitur in Berlin und der Einstieg in die Berufstätigkeit im Pressewesen markierten ihre schulische und berufliche Laufbahn. In Berlin lernte sie zudem ihren Mann Werner Reetz kennen, den sie 1944 heiratete. Ihre später entwickelte pazifistische Grundhaltung führte Christa Reetz auch auf die Erfahrung der Zerstörung Berlins als Hauptstadt des „Tausendjährigen Reiches“ zu Kriegsende zurück. Doch vorerst verlief ihr Leben vergleichbar zum dem vieler Frauen ihrer Generation. Die Berufslaufbahn ihres Mannes führte Christa Reetz nach dem Zweiten Weltkrieg nach Offenburg.

Zwischen 1945 und 1956 kamen vier Töchter und ein Sohn zur Welt. Dem für Christa Reetz damals selbstverständlichen Berufsausstieg 1953 folgte erst 1964 ein neuer Eintritt in die Erwerbswelt. Nach einem Programmierkurs übernahm sie die Stelle einer Programmiererin an der Universität Freiburg. Darüber hinaus war Christa Reetz als Dolmetscherin und Stenographin für den Burda-Verlag tätig. Offenbar blieb ihr trotz Familien- und Berufsarbeit Zeit für politisches Engagement. Schon in den 1950er-Jahren begann sie sich gegen die Wiederbewaffnung der Bundesrepublik zu engagieren. Auch an den Aktivitäten der beginnenden zweiten Frauenbewegung in den 1970er-Jahren nahm sie Anteil.

Doch ihre prägendsten politischen Erfahrungen machte sie in der Anti-Atomkraft-Bewegung der badisch-elsässischen Bürgerinitiativen. Als eine der Hauptakteurinnen der Proteste gegen den Bau des Kernkraftwerks Wyhl wurde sie weit über die Region hinaus bekannt. Parteipolitisch wurde Christa Reetz anfangs der 1980er-Jahre für die Grünen aktiv und wurde für die „Bürgerinitiative Umweltschutz Offenburg“ in den Offenburger Gemeinderat gewählt. Als die Grünen 1983 in den Bundestag einzogen, wurde sie über die Landesliste Baden-Württemberg Bundestagsabgeordnete. Zum ersten Mal seit 1957 war nun eine vierte Fraktion im Bundestag vertreten, der eigentlich ein Posten des Vizepräsidenten des Parlaments zugestanden hätte. Die anderen Fraktionen lehnten dies jedoch ab. Dennoch nominierte die Bundestagsfraktion der Grünen Christa Reetz in allen vier getrennten Wahlgängen für die Vizepräsidentschaft des Bundestags. Zwei Jahre lang war sie im Bundesparlament aktiv, schied dann aber im April 1985 aufgrund des damals innerhalb der Fraktion noch geltenden Rotationsprinzips wieder aus dem Parlament aus. Nach ihrer Zeit als Bundestagsabgeordnete wechselte sie hauptamtlich in den Bundesverband Bürgerinitiativen Umweltschutz (BBU). Sie gründete und begleitete nun zahlreiche Initiativen der Umweltschutzbewegung vor allem gegen Giftmülldeponien und Müllverbrennungsanlagen. Früh hatte sie auch Kontakt zu kirchlichen Umweltgruppen in der DDR aufgenommen.

Christa Reetz war 73 Jahre alt, als sie ihre Tätigkeit im geschäftsführenden Vorstand des BBU niederlegte. Gesellschaftspolitisch engagiert blieb sie bis ins hohe Alter. Noch wenige Wochen vor ihrem Tod vertrat sie den BBU auf dem Evangelischen Kirchentag in Bremen.

Als sie am 21. Juni 2009 im Alter von 86 Jahren in Offenburg starb, veröffentlichte die „Badische Zeitung“ einen Nachruf unter dem Titel „Demokratie braucht solche Menschen“.

Download der Kurzbiographie (PDF)

Anregungen zum Weiterlesen:

  • MEYER, Birgit: Frauen im Männerbund. Politikerinnen in Führungspositionen von der Nachkriegszeit bis heute, Frankfurt/M. 1997, S. 211–232.

  • SCHRAUT, Sylvia: Frau und Mann, Mann und Frau. Eine Geschlechtergeschichte des
    deutschen Südwestens (1789–1980), Stuttgart 2016, S. 247–249.

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