Ludwig Marum (1882–1934)
Badischer Sozialdemokrat und entschiedener NS-Gegner

Als Rechtsanwalt, Parlamentarier, Repräsentant der badischen Arbeiterbewegung und entschiedener Gegner des NS-Regimes zählt Ludwig Marum zu den markantesten Figuren der südwestdeutschen Demokratiegeschichte. Wegen seiner klaren öffentlichen Stellungnahme gegen die Nationalsozialisten zog er den Hass der neuen Machthaber auf sich. Als einer der ersten Regimegegner in Baden wurde Ludwig Marum am 10. März 1933 im Konzentrationslager Kislau inhaftiert und dort rund ein Jahr später ermordet.
Ludwig Marum wurde am 5. November 1882 in Frankenthal (Pfalz) in eine jüdische Familie geboren. Nach dem frühen Tod des Vaters zog die Mutter gemeinsam mit den beiden Kindern zu Verwandten nach Bruchsal. Von seinem Onkel finanziell unterstützt, konnte Marum ein Jurastudium in Heidelberg absolvieren und sich 1908 als Rechtsanwalt in Karlsruhe niederlassen. Angesichts antisemitischer Anfeindungen früh politisiert, trat er in jungen Jahren der badischen SPD bei und engagierte sich immer wieder ehrenamtlich für mittellose Klienten. 1911 wurde Marum Stadtverordneter im Gemeinderat Karlsruhe. 1914 rückte er für den im Krieg getöteten Ludwig Frank als Abgeordneter in den badischen Landtag nach, wurde 1915 aber selbst zum Kriegsdienst eingezogen. Als Landtagsabgeordneter setzte sich Marum vor allem für demokratische Verfassungsreformen ein.
Nach 1918 leistete Marum als Justizminister der provisorischen Landesregierung einen maßgeblichen Beitrag zur Durchsetzung der republikanischen Ordnung in Baden. Bis 1928 war er Vorsitzender der SPD-Fraktion im Landtag und profilierte sich vor allem als Rechtspolitiker, der unter anderem vehement für die Abschaffung der Todesstrafe, für die Rechte unehelicher Kinder, gegen die Diskriminierung unverheirateter Mütter und für gleichen Lohn von Männern und Frauen eintrat. Obwohl er die religiöse Bindung an das Judentum früh abgelegt hatte, bekannte er sich zu seinen jüdischen Wurzeln und bekämpfte antisemitische Strömungen. In kämpferischen Reden im Landtag verurteilte er die Feindschaft gegen die Juden und rief zu Toleranz und friedlichem Miteinander auf. Beides pflegte er in seinem Freundeskreis aus Künstlern und Intellektuellen, zu dem auch René Schickele und Annette Kolb gehörten.
1928 wurde Marum für den Wahlkreis Karlsruhe in den Reichstag gewählt und gehörte dort im Rechtsausschuss zu den führenden Rechtspolitikern. Sein politischer Kampf richtete sich auch hier vor allem gegen die Nationalsozialisten. Im März 1933 griff er in einer Wahlkampfrede Hitler und seine Regierung scharf an. Am 10. März 1933 wurde er unter Verletzung seiner parlamentarischen Immunität verhaftet und wenige Tage später zusammen mit anderen führenden badischen Sozialdemokraten in einer öffentlich inszenierten und demütigenden „Schaufahrt“ durch die von Nazi-Anhängern gesäumten Straßen in Karlsruhe getrieben und in das neu errichtete Konzentrationslager Kislau bei Bruchsal verschleppt. Marum, der weiterhin an den Rechtsstaat glaubte, unterschätzte wie viele andere auch die Brutalität der neuen Machthaber. Eine Flucht, die sich ihm auf einem zweitägigen Freigang zu Beginn seiner Haft ermöglicht hätte, lehnte er als „verantwortungslos“ ab. Während seine mit ihm inhaftierten Parteigenossen wieder freikamen, wurde er, der den Nationalsozialisten als „badischer Rathenau“ galt, weiterhin festgehalten.
Am 29. März 1934 wurde der 51-Jährige auf Veranlassung von Reichsstatthalter Robert Wagner im KZ Kislau brutal erdrosselt. Die von den NS-Behörden verbreitete Nachricht, Marum habe Selbstmord begangen, fand in weiten Teilen der Bevölkerung keinen Glauben. Die Trauerfeier zu Ehren Marums auf dem Hauptfriedhof Karlsruhe am 3. April 1934 wurde mit mehr als 3000 Teilnehmern zu einer politischen Demonstration gegen das NS-Regime. Marums Ehefrau Johanna floh kurz nach der Ermordung ihres Mannes aus Deutschland und folgte zusammen mit ihrer Tochter Brigitte ihrem Sohn Hans, der bereits nach Paris entkommen war. 1936 folgte auch die zweite Tochter Elisabeth nach. Die Familie, vor ihrer Ausreise von den Nationalsozialisten noch wirtschaftlich ausgeplündert, lebte dort in ärmlichen Verhältnissen. Johanna Marum, Tochter Elisabeth und Sohn Hans gelang 1941/42 die Flucht in die USA bzw. nach Mexiko. Brigitte Marum hingegen, inzwischen Mutter geworden, wurde Anfang 1943 bei Marseille gefangengenommen und schließlich über das französische Sammellager Drancy in das Vernichtungslager Sobibor deportiert, wo sie sofort bei ihrer Ankunft ins Gas getrieben wurde. Ihr Sohn überlebte in einem französischen Kinderheim und wanderte später nach Israel aus.
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Anregungen zum Weiterlesen:
KOCH, Manfred: „Meine Freiheit können sie mir nehmen, aber nicht meine Würde und meinen Stolz.“ Ludwig Marum – in Schutzhaft ermordet, in: Haus der Geschichte Baden-Württemberg (Hrsg.): Politische Gefangene in Südwestdeutschland, Tübingen 2001, S. 195–211.
POHL, Monika: Ludwig Marum. Ein Sozialdemokrat jüdischer Herkunft und sein Aufstieg in der badischen Arbeiterbewegung 1882–1919, Karlsruhe 2003.
POHL, Monika: Ludwig Marum (1882–1934), in: Menschen aus dem Land, hrsg. von der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg, Stuttgart 2007.
Stadtarchiv Karlsruhe und Stadtarchiv Mannheim (Hrsg.): Ludwig Marum. Das letzte Jahr in Briefen. Briefe aus dem Konzentrationslager Kislau, ergänzt um den Briefwechsel mit Johanna Marum, ausgew. u. bearb. von Elisabeth MARUM-LUNAU und Jörg SCHADT, für die Neuausg. ausgew. und bearb. von Andrée Fischer-Marum, Karlsruhe 2016 [zuerst 1984].