Ludwig Mies van der Rohe (1886–1969)

Wegbereiter der Klassischen Moderne

Der in Aachen geborene deutsch-amerikanische Architekt Ludwig Mies van der Rohe gilt als einer der bedeutendsten Architekten der Moderne. Seine Baukunst galt dem Ausdruck konstruktiver Logik und räumlicher Freiheit in klassischer Form. Beim Bau der Stuttgarter Weissenhofsiedlung (1927) hatte er die künstlerische Oberleitung übernommen.

Gemeinsam mit dem Stuttgarter Architekten Richard Döcker, dem Bauleiter des Projektes, entstand die Weissenhofsiedlung im Rahmen der vom Deutschen Werkbund organisierten Ausstellung „Die Wohnung“. Mies van der Rohe entwarf den Bebauungsplan für rund dreißig Gebäude und lud hierfür Architekten aus Stuttgart, Deutschland und dem Ausland ein, darunter Adolf Gustav Schneck, Walter Gropius, Hans Scharoun, Le Corbusier oder Mart Stam. Der Plan sah eine durch Terrassen gegliederte Anlage kubischer niedriger Wohnhäuser vor, in lockerer Weise gruppiert und von höherragenden Bauten begrenzt. Jedes Haus sollte ein Flachdach haben. Das Konzept stellte einen deutlichen Bruch mit dem traditionellen Architekturverständnis dar.

 

    Er selbst beanspruchte das größte Projekt mit dem „Am Weissenhof 14–20“ realisierten Mehrfamilienhaus. Mies van der Rohes Vorstellungen lösten eine kontroverse Architekturdebatte aus, die schließlich innerhalb des Werkbundes zum Austritt der Stuttgarter Architekten Paul Bonatz und Paul Schmitthenner führte. Die Werkbundausstellung mitsamt der zukunftsweisenden Weissenhofsiedlung für modernen Wohnungsbau wurde ein internationaler Erfolg. Mies, der zu diesem Zeitpunkt Vizepräsident des angesehenen Deutschen Werkbunds war, brachte dies weitere internationale Bekanntheit ein.

      Als Sohn des Steinmetzmeisters Michael Mies und dessen Frau Amalia Rohe aus dem belgischen Montjoie wurde Ludwig Maria Mies 1886 als fünftes Kind geboren. 1922 erweiterte er seinen Nachnamen um die Herleitung „van der“, die frei erfunden war – die Mutter war nicht adliger Herkunft – sowie deren Nachnamen.

      Wie einige wegweisende Architekten der Klassischen Moderne absolvierte auch Mies van der Rohe kein Architekturstudium. Nach einer Maurerlehre finanzierte er seinen Lebensunterhalt mit dem Zeichnen von Stuckornamenten, wozu ihm sein außergewöhnliches Zeichentalent verhalf. Anschließend erwarb er technische und gestalterische Kenntnisse durch die Arbeit in unterschiedlichen Berliner Architekturbüros. 1907 erhielt er seinen ersten Auftrag als selbstständiger Architekt von dem Philosophen Alois Riehl und entwarf für ihn ein Wohnhaus im neoklassizistischen Stil in Potsdam-Neubabelsberg. Seine frühen Arbeiten folgten noch traditionellen Vorbildern, was sich durch die anschließend prägende Mitarbeit im Architekturbüro von Peter Behrens änderte. So war er beteiligt am Bau der AEG-Turbinenfabrik, ein damals modernes Industriegebäude in klarer Formensprache. Bei Behrens begegnete er Walter Gropius und Le Corbusier, mit denen er später wieder zu tun hatte. Er selbst verhalf Le Corbusier zur Teilnahme am Weissenhof-Projekt; Gropius wiederum berief ihn später ans Bauhaus nach Dessau.

      Nachdem er während des Ersten Weltkriegs vor allem in Rumänien seinen Militärdienst im Straßen- und Brückendienst geleistet hatte, kehrte er zurück nach Berlin und arbeitete als freischaffender Architekt. Er organisierte Ausstellungen, die Konstruktionsmethoden und Gestaltungsprinzipien des „Neuen Bauens“ zeigten. Um für die Demokratisierung des Kunstbetriebs während der Weimarer Republik einzutreten, schloss er sich der „Novembergruppe“ an, einem Bündnis fortschrittlicher Künstlerinnen und Künstler sowie Kulturschaffender, dem auch der Architekt Erich Mendelssohn angehörte. Er beteiligte sich an Debatten zur modernen Architektur und sprach sich für die Strömung der „Neuen Sachlichkeit“ aus.
      Aufgrund des großen Erfolgs der Stuttgarter Werkbundausstellung erhielt er 1928 den Auftrag, die künstlerische Leitung der deutschen Abteilung der Weltausstellung in Barcelona zu übernehmen. Er baute das offizielle Empfangsgebäude, den berühmt gewordenen „Barcelona-Pavillon“, für den er gemeinsam mit der Designerin und Architektin Lilly Reich den „Barcelona-Sessel“ entwarf.

        Seine akademische Lehrtätigkeit begann mit der Berufung ans Bauhaus nach Dessau. In seiner kurzen Zeit dort (1930–1933) wurde die innovative Lehranstalt, die Kunst und Handwerk zusammenführte, zur Architekturschule. Mies van der Rohe lehrte seine Grundprinzipien vom freien Grundriss und fließenden Raum. Hinsichtlich der politischen Verhältnisse untersagte er den Studierenden jegliche politische Betätigung, um jenen Politikern den Rücken freizuhalten, die das angeblich „bolschewistische Bauhaus“ unterstützten. Dennoch konnte er dessen Schließung 1932 durch den neu gewählten Dessauer Stadtrat mit nationalsozialistischer Mehrheit nicht verhindern. Als private Lehranstalt in einer leerstehenden Telefonfabrik in Berlin-Steglitz, versuchte er die Schule weiterzuführen. Doch unter dem Druck der neuen nationalsozialistischen Reichsregierung kam es schließlich zum Ende des Instituts. Am 20. Juli 1933 beschloss das Lehrerkollegium die Auflösung des Bauhauses. Doch für Mies van der Rohe kam es damit nicht zum Bruch mit der NS-Herrschaft. Nachdem er mit  dem Chefideologen Alfred Rosenberg und Vertretern der Gestapo noch erfolglos um das Fortbestehen des Bauhauses verhandelt hatte, suchte auch er Aufträge der neuen Machthaber, etwa für den geplanten Erweiterungsbau der Reichsbank. Ebenso unterzeichnete er den Aufruf der Kulturschaffenden zur Unterstützung Adolf Hitlers. Als klar wurde, dass er seine Karriere in Deutschland nicht fortsetzen konnte, übersiedelte er 1938 endgültig in die USA.

        Dort wurde er 1944 amerikanischer Staatsbürger, lehrte am Armour Institut in Chicago und erhielt renommierte Aufträge, so etwa für das „Seagram Building“ in New York 1958, welches zu seinen Meisterwerken zählt. Für Berlin realisierte er von 1962 bis 1968 den Bau der „Neuen Nationalgalerie“, mit dem er erneut seiner eigenen, wiedererkennbaren Ästhetik treu blieb. Mies van der Rohe starb am 17. August 1969 in Chicago.


        Anregungen zum Weiterlesen:

        • Blaser, Werner: Mies van der Rohe: Less is more, New York 1986.
        •  Freiberger, Ernst: ein Denkmal für Mies van der Rohe, Berlin 2007.
        • Hensen, Dirk: Weniger ist mehr. Zur Idee der Abstraktion in der modernen Architektur, Berlin 2005.
        • Johnson, Phillip: Mies van der Rohe, MOMA, New York 1947.
        • Krohn, Carsten: Mies van der Rohe. Das gebaute Werk, Basel 2014.
        • Lange, Christiane: Mies van der Rohe und Lilly Reich. Möbel und Räume, Ostfildern 2007.
        • Stach, Edgar: Mies van der Rohe, Raum – Material – Detail, Basel 2018.

        Links:

        Grand Tour der Moderne: Ludiwg Mies van der Rohe


        Filmtipp:

        Ludwig Mies van der Rohe - Architecture as language.
        Mies van der Rohe selbst erzählt über das Bauhaus, seine Geschichte, Herausforderungen und Schwierigkeiten.

        Ludwig Mies van der Rohe - Architecture as language (YouTube)

        Autorin: Jutta Fischer, Metzingen / Aufbereitung für das Netz: Internetredaktion der LpB

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