Wilhelm Keil (1870–1968)
Parlamentarier zwischen Kaiserreich und Bundesrepublik

Wilhelm Keil war im Lauf seiner parlamentarischen Karriere annähernd vierzig Jahre auf Landes- und mehr als zwanzig Jahre auf Reichsebene politisch aktiv. Bereits im ausgehenden Kaiserreich, dann in der Weimarer Republik und schließlich in der Gründungsphase der Bundesrepublik Deutschland prägte der Sozialdemokrat die Politik im deutschen Südwesten und darüber hinaus. Er zählte zu den Vorkämpfern eines sozial gerechten Steuersystems, entwickelte eine frühe Initiative für eine Fusion der südwestdeutschen Länder und engagierte sich für die europäische Gemeinschaft.
Wilhelm Keil wurde am 24. Juli 1870 im kurhessischen Helsa geboren. Er wuchs in einfachen Verhältnissen auf und machte eine Lehre als Drechsler. Als Geselle kam er „auf der Walz“ mit führenden Köpfen der Sozialdemokratie in Kontakt und startete erste journalistische Gehversuche in der Partei- und Gewerkschaftspresse, unter anderem in Mannheim. 1896 wurde er schließlich hauptamtlicher Redakteur der „Schwäbischen Tagwacht“, des Parteiorgans der württembergischen SPD. Innerhalb weniger Jahre avancierte er zum leitenden Redakteur des Blattes. 1900 errang er ein Abgeordnetenmandat auf Landesebene.
Zehn Jahre später zog er erstmals in den Reichstag ein. Im Zuge seiner parlamentarischen Tätigkeit streifte er frühere radikalsozialistische Überzeugungen ab und geriet damit zunehmend in Widerstreit zum linken Flügel der SPD. In der revolutionären Phase nach dem Ersten Weltkrieg war Keil am friedlichen Übergang zum parlamentarischen System beteiligt. Er bekannte sich entschlossen zur Demokratie, war 1919/20 Mitglied und Präsident der Verfassunggebenden Landesversammlung in Württemberg und war in den Krisenjahren zwischen 1921 und 1923 württembergischer Arbeits- und Ernährungsminister. Bis 1933 blieb er Abgeordneter im Landtag und dort Vorsitzender der SDP-Fraktion. Auf Reichsebene gehörte er 1919/20 der Weimarer Nationalversammlung an und war bis 1932 Reichstagsabgeordneter mit finanzpolitischer Expertise, die unter anderem auch in die große Reichsfinanzreform von Matthias Erzberger einfloss. Früh schon machte sich Keil auch für eine Öffnung der SPD für breitere Wählerschichten stark. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten zog er sich ins Privatleben zurück und schrieb seine vielbeachteten Memoiren, die 1947/48 erschienen.
Nach 1945 leistete Keil in vielerlei Ämtern einen erneuten Beitrag zum Wiederaufbau der Demokratie, unter anderem als Präsident des Landtags von Württemberg-Baden, aber auch als stellvertretender Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft „Der Bürger im Staat“, einer Vorläuferin der heutigen Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg.
Wilhelm Keil starb am 5. April 1968 im Alter von 97 Jahren in Ludwigsburg.
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Anregungen zum Weiterlesen:
MITTAG, Jürgen: Wilhelm Keil (1870–1968). Sozialdemokratischer Parlamentarier zwischen Kaiserreich und Bundesrepublik. Eine politische Biographie, Düsseldorf 2001.
MITTAG, Jürgen: Wilhelm Keil (1870–1968), in: Reinhold WEBER/Ines MAYER (Hrsg.): Politische Köpfe aus Südwestdeutschland, Stuttgart 2005, S. 215–224.
SCHWITZER, Boris: Wilhelm Keil als sozialdemokratischer Finanzpolitiker im Kaiserreich und in der Weimarer Republik, Mannheim 2002.
Am 14.12.1887 ist Wilhelm Keil in die Sozialdemokratische Partei eingetreten. Fünfzig Jahre später wird der ehemalige Präsident des Landtags von Württemberg-Baden interviewt.
