Gunta Stölzl (1897–1983)

Jungmeisterin am Bauhaus

„Nichts Hemmendes an meinem äußeren Leben, ich kann’s mir gestalten wie ich will. Ah, wie so oft träumt ich davon und nun ist’s wirklich wahr geworden, kaum faß ich es noch.“

Gunta Stölzl prägte in besonderem Maß die Webereiklasse des Bauhauses. Als Jungmeisterin in Dessau erhielt sie als eine der wenigen Frauen am Bauhaus eine Leitungsposition. Zahlreiche Teppiche, Möbelbespannungen und weitere Gebrauchstextilien gehen auf ihre Entwürfe zurück. Die Werkstatt für Weberei erhielt unter ihrer Führung gewinnversprechende Aufträge und wurde zur wichtigsten Einnahmequelle der Reformschule.

    Aus einem bildungsnahen Elternhaus stammend, konnte die 1897 in München geborene Adelgunde Stölzl, genannt Gunta, 1913 ihre Reifeprüfung ablegen. Familiär vorgeprägt – ihr Urgroßvater war Webermeister – begann sie in ihrer Heimatstadt an der Kunstgewerbeschule zu studieren. Kunstakademien ließen zu dieser Zeit noch keine weiblichen Studierenden zu. Beim Freiwilligendienst als Rote-Kreuz-Schwester im Ersten Weltkrieg hatte sie viel Leid und Kriegselend gesehen. Sie wurde – wie ihre gesamte Generation – früh mit den Realitäten des Lebens konfrontiert. Das Bauhaus, das aus der ehemaligen Großherzoglich-Sächsischen Kunstgewerbeschule Weimar hervorging, warb 1919 mit seinen Reformideen und bot Möglichkeiten für fortschrittliche Lebensentwürfe. Mit einer Arbeitsmappe voll Zeichnungen aus ihrer Studienzeit sowie mit freien Arbeiten bewarb sich Gunta Stölzl bei Walter Gropius (1883–1969). Er erkannte ihre gute Beobachtungsgabe sowie ihr Einfühlungsvermögen und nahm sie sofort auf. Vorerst begann sie bei einem Glasmaler zu arbeiten und wechselte dann zur Dekorationsmalerei. Auch dort waren die Tätigkeiten weniger künstlerischer Natur. So bestand ihre Arbeit im Renovieren des Weimarer Bauhaus-Gebäudes.

    Ab 1920 entstand die anfangs als „Frauenklasse“ bezeichnete Weberei, in der die Studierenden und die bereits ausgebildete Stölzl noch keinen strukturierten Unterricht erhielten. Von ihren bereits vorhandenen Kenntnissen profitierten auch ihre Mitstudentinnen. So erinnerte sich Anni Albers (1899–1994): „Zu Beginn lernten wir überhaupt nichts. Ich habe viel von Gunta gelernt, die eine großartige Lehrerin war. Wir saßen da und haben es einfach probiert.“ So wurde mit Applikationen, Stickerei, Gobelintechnik und Flachgewebe experimentiert, wobei eine neue Formensprache Einzug hielt. Geometrische Muster und abstrakte Kompositionen bestimmten die Entwürfe. Als Paul Klee (1879–1940) Meister am Bauhaus wurde, nahm Gunta Stölzl sogleich dessen Kurs „Bildnerische Formenlehre“ wahr. Zuvor hatte sie aufgrund ihres besonderen Engagements in der Weberei eine Schulgeldfreistelle erhalten. Gemeinsam mit der ebenfalls sehr begabten Benita Otte (1892–1976) besuchte sie eine Fortbildung für Textilfärberei in Krefeld.

      Aus wirtschaftlichen Gründen wurde die Arbeit in der Weberei nun straffer organisiert, die tägliche Arbeitszeit betrug sechs Stunden. Die Produkte sollten verkauft werden, um das stets um finanzielle Unterstützung bemühte Bauhaus abzusichern. Gunta Stölzl wurde zur prägenden Gestalt der Webereiklasse. Es begann eine schöpferische und produktive Zusammenarbeit mit der Tischlerei. Gemeinsam mit Marcel Breuer (1902–1981) entstanden Bespannungen für Latten- und Stahlrohrstühle. Auch die Entwicklung der Wandbehänge und Teppiche ging voran. 1922 webte sie ihr Gesellenstück, einen Smyrna-Knüpfteppich. Für das „Haus am Horn“, das Musterhaus der ersten Bauhaus-Ausstellung, entstand ein weiterer sechs Meter langer Knüpfteppich mit abstrakten Motiven. Noch während der Ausstellung erwarb ihn ein Architekt. 

        1924 wurde Gunta Stölzl als Gesellin in der Bauhaus-Weberei angestellt, was eine große Ausnahme unter weiblichen Studierenden darstellte. Mit dem Umzug des Bauhauses nach Dessau wurde sie zuerst Werkmeisterin der Webabteilung. 1927, nachdem die Studierenden die Entlassung des bisherigen Leiters Georg Muche (1895–1987) vorangetrieben hatten, übernahm Gunta Stölzl die technische und künstlerische Gesamtleitung der Abteilung. Unter ihrer Führung wurden Stoffe und Prototypen zur wichtigsten Einnahmequelle des Bauhauses. Sie entwickelte neue Lehrpläne, ließ ihre Studierenden vermehrt mit modernen, synthetischen Materialien experimentieren und übernahm größere Aufträge. Bereits 1925 schrieb sie an ihren Bruder:

        „Nun spielt die wirtschaftliche Seite des Bauhauses hier eine viel entscheidendere Rolle, alles muß sich rentieren, d. h. muß einen Geldwert haben, allerdings scheint die Sache auch mehr Aussichten hier zu bekommen, was die Ausnutzung der Arbeit betrifft […].“

        1928 heiratete sie den Bauhaus-Studenten der Architektur Arieh Sharon (1900–1984), der aus dem galizischen Judentum stammte. Sie nahm die palästinensische Staatsbürgerschaft an („British Passport Palestine“). Kurz darauf wurde ihre erste Tochter Yael geboren. Die veränderte politische Lage am Bauhaus bekam auch Gunta Stölzl zu spüren. Persönliche Intrigen und diffamierende Anfeindungen machten ihr zu schaffen und sie musste absurde Anschuldigungen und Kritik hinnehmen. Nachdem sich die Situation zunehmend verschlimmerte, kündigte sie, bevor sie entlassen werden konnte. Sie verließ das Bauhaus im Sommer 1931, ein unschöner Abschied, der sie noch Jahre später schmerzte.

        Gunta Stölzl emigrierte in die Schweiz und gründete gemeinsam mit den ehemaligen Bauhäuslern Gertrud Preiswerk (1902–1994) und Heinrich-Otto Hürlimann (1900–1964) eine Handweberei in Zürich. Die Zeit war geprägt vom intensiven Bemühen um Aufenthaltserlaubnis in der neuen Heimat. Sie hielt den Kontakt zu alten Bauhaus-Freunden aufrecht. Mit Benita Otte unternahm sie viele gemeinsame Urlaube. 1937 wurde sie alleinige Besitzerin der Handweberei Flora. Im selben Jahr erhielt sie auf der Pariser Weltausstellung als bedeutende internationale Auszeichnung das „Diplome Commémoratif“. Die Kriegsjahre brachten ihr existenzsichernde Aufträge, da sie bis kurz vor Kriegsende über einen großen Vorrat an gesponnener Wolle verfügte, der zur Herstellung von Bekleidungsstoffen diente. Sie lernte den Autor und Journalisten Willy Stadler (1903–1988) kennen. Die beiden heirateten 1942 und Gunta Stölzl wurde Schweizer Staatsbürgerin. Ein Jahr später wurde ihre zweite Tochter Monika geboren. Die Handweberei führte Gunta Stölzl noch bis in ihr 71. Lebensjahr weiter. In den Jahren danach arbeitete sie an eigenen Gobelins und bestritt Ausstellungen.

        Gunta Stölzl starb am 22. April 1983 im Züricher Krankenhaus unweit ihres Wohnortes Küsnacht.


        Anregungen zum Weiterlesen:

        • Müller, Ulrike: Die klugen Frauen von Weimar. Regentinnen, Salondamen, Schriftstellerinnen und Künstlerinnen, München 2007.

        • Müller, Ulrike/Radewaldt, Ingrid: Bauhaus Frauen Meisterinnen in Handwerk, Kunst und Design, München 2019.

        • Droste, Magdalena (Hrsg.): Das Bauhaus webt. Die Textilwerkstatt am Bauhaus, Berlin 1998.

        •  Meschede, Friedrich/Hülsewig-Johnen, Jutta (Hrsg.): To open Eyes. Kunst und Textil vom Bauhaus bis heute, Bielefeld 2013.

        • Müller, Ulrike: Bauhaus-Frauen. Meisterinnen in Kunst, Handwerk und Design, Berlin 2014.

        •  Radewaldt, Ingrid: Gunta Stölzl. Pionierin der Bauhausweberei, Wiesbaden 2018.

        • Stadler, Monika/Yael Aloni (Hrsg.): Gunta Stölzl. Bauhausmeister, Ostfildern 2009.


        Links:


        Filmtipp:

        Bauhauskinder erzählen: Gunta Stölzl - Tochter Monika Stadler erzählt (YouTube)

        Autorin: Jutta Fischer, Metzingen / Aufbereitung für das Netz: Internetredaktion der LpB

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