Der Tübinger Stuhl

Grundform 1, der gesteckte Stuhl („Tübinger Stuhl“), über viele Jahre hinweg von der Stuhlfabrik Schäfer in Tübingen hergestellt.

Der Möbelbauer Adolf G. Schneck

In Zusammenarbeit mit den Deutschen Werkstätten in Hellerau entwickelte Schneck Ende der 1920er-Jahre eine Entwurfstheorie, die auf bestimmten „Grundformen“ basierte. Hierzu gehört etwa der „gesteckte Stuhl“, der „aus gedrehten Hölzern und eingesteckten Füßen sowie einer Sitzplatte“ besteht.

Aufgrund seiner Produktionsstätte, der Stuhl- und Tischfabrik Schäfer, die sich in den heutigen Räumlichkeiten des Landestheaters Tübingen befand, erhielt diese Version den Namen „Tübinger Stuhl“. Auch wurde eigens für die Serie „Schneck-Stühle“ in anschaulichen Prospekten durch die Firma Schäfer geworben.

1953 setze die Stuhlfabrik Schäfer werbewirksam Elefanten zum Test ihrer Stühle ein. (Quelle: Stadtmuseum Tübingen)

Der „Tübinger Stuhl“ existierte in zahlreichen Varianten, mit oder ohne Armlehnen, lackiert, unlackiert, in Buche oder Ahorn. Die Standardausführung hatte Lehnensprossen aus Buche. Auch hierbei sollte der einfachen, klar konstruierten Form Rechnung getragen werden. Auch das Konstruktionsprinzip ist in einigen Modellen des Tübinger Stuhls sichtbar und Teil der Ästhetik. Die Anschnitte der gesteckten Stuhlbeine etwa sind in der Sitzfläche als kreisrunde Formen sichtbar.

Als Serienprodukt in zigtausendfacher Herstellung wurde der „Tübinger Stuhl“ ein außerordentlich erfolgreiches Produkt. Viele Jahre gehörte er zur Grundmöblierung zahlreicher Gaststätten und Veranstaltungssäle.

In dem weit verbreiteten Wohnratgeber „Unser Heim“ von Heinrich und Marga Lützeler (1939) werden diese Stühle beispielhaft vorgestellt: „Aus langer Erfahrung und Erprobung sind heute einige Stuhlmodelle hervorgegangen, die bei billigstem Preis dauerhaft und dem Körper angepasst sind. Sie lassen sich für die Wohnküche oder die Essnische durch ein paar bunte Kissen sehr freundlich herrichten.“

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Prozess gegen Stuhlfabrik Veith & Sigloch

Der Tübinger Stuhl, wie er zwischen 1920 und 1929 gebaut und dann von Adolf G. Schneck modifiziert wurde – ein Standardmodell für die Bestuhlung von Gaststätten und Sälen. (Quelle: Stadtmuseum Tübingen)

1935 klagte Schneck gemeinsam mit der Tübinger Firma Schäfer vor Gericht gegen die Stuhlfabrik Veith & Sigloch aus Zuffenhausen. Diese habe „eine sklavische Nachahmung“ seines Stuhlmodells Nr. 108 produziert. Die Tübinger Firma und Schneck stritten für ihren „original Tübinger Stuhl“. Das Modell habe „einen ästhetischen Überschuss in solchem Maß, dass von selbständiger, schöpferischer Form, also Kunst, gesprochen werden“ könne. (Prozessakte, 7.12.1935)

Letztlich ging es den Tübingern wohl darum, preislich nicht unterboten zu werden. Sigloch & Veith konnte billiger anbieten, da das Unternehmen keine Lizenzgebühren an den Möbelentwerfer Schneck entrichtete. In diesem Zusammenhang stellte die Zuffenhauser Firma Lizenzzahlungen an Schneck grundsätzlich in Frage: „Wir empfinden es als einen schweren Übergriff des Herrn Prof. Schneck, wenn er glaubt, für einen Stuhl so einfacher Ausführung Schutzrechte und Alleinherstellungsrechte beanspruchen zu müssen und sich eine Lizenz für den Vertrieb dieses Stuhls zahlen lassen zu können. Wir können uns nicht vorstellen, dass dieses Verhalten des Herrn Prof. Schneck von seinen Vorgesetzten gebilligt wird. – Heil Hitler!“ (Prozessakte 19.12.1935).

In der Folgezeit rang Schneck neben seiner Lehrtätigkeit für diese Nebeneinkünfte aus Lizenzgebühren. Er legte hierfür zahlreiche Gutachten vor, die seine gestalterische Tätigkeit zugleich als künstlerische bezeugten und somit Lizenzgebühren rechtfertigen sollten.

In einem Schreiben an das Württembergische Landgericht vom 4. Januar 1936 beschreibt Schneck den aufwändigen Entstehungsprozess seines Sitzmöbels:

„Das Modell der Klägerin „Nr. 108“ ist nach monatelangen Versuchen mit der Firma Schäfer, Tübingen entstanden. Jeder, der sich mit Stuhlentwürfen befasst, weiß, dass es am allerschwersten ist, einfache Stühle zu schaffen. Es kommt bei solchen Modellen auf die feinen Verhältnisse an. Oft sind es nur Millimeter, die dem Stuhl eine eigene Note geben. Wie schwer es ist, erklärt sich daraus, dass es in Deutschland nicht viele Künstler gibt, die solche Modelle herausbringen. Die Anfertigung neuer Stühle erfordert neben den zeichnerischen Entwürfen Versuche in natürlicher Größe, und bis das endgültige Modell herauskommt, sind meist mehrere Versuche dieser Art notwendig. […]“

Ob es sich bei Schnecks Entwürfen um rein gewerbliche oder künstlerische Objekte handelte, war für die nationalsozialistischen Amtsinhaber von geringerem Interesse. Vielmehr ging es um die Offenlegung seiner Nebeneinkünfte.

In einem Schreiben des Kultministers vom Februar 1936 heißt es: „Ob die Fachkreise einen solchen Entwurf nach den Fähigkeiten des Bearbeiters und der Art der Lösung dem Kunstgewerbe oder Gewerbe zurechnen, ist für die Anwendung des Abs. 3 nicht entscheidend. Prof. Schneck bedarf hienach zur außerdienstlichen Bearbeitung solcher Entwürfe gegen einmalige oder fortlaufende Vergütung der Genehmigung des Ministeriums.“

Dieses Vorgehen dürfte auch im Zusammenhang der Gängelungen und Drangsalierungen zu sehen sein, die Adolf Gustav Schneck im „Dritten Reich“ ertragen musste.

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Autorin: Jutta Fischer, Metzingen / Aufbereitung für das Netz: Internetredaktion der LpB (Stand: Juli 2019)

 

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