Das „Neue Bauen“ und das „Haus auf der Alb“

Das Doppelhaus von Le Corbusier in der Stuttgarter Weißenhofsiedlung, aufgenommen 1991. Foto: LMZ

Zum Wegbereiter einer neuen, sachlichen architektonischen Formensprache wurde der 1907 gegründete Deutsche Werkbund. Der Architekt und Gründer des Bauhauses Walter Gropius prägte hierfür den Begriff „Neues Bauen“, der schließlich zum Synonym für die moderne Architektur im beginnenden 20. Jahrhundert wurde. Neue Werkstoffe wie Eisen, Glas und Beton waren bezeichnend für diesen neuen Baustil, ebenso formal reduzierte Elemente wie einfache Kuben, verzahnte Raumvolumen, kühne Auskragungen oder freistehende Wände.

Die Gründe für diese Entwicklung liegen nicht zuletzt in der Abkehr von einer im 19. Jahrhundert historisierend eklektizistischen Bauweise, die zunehmend als unzeitgemäß empfunden wurde. Auch war die soziale Problematik, das Wachstum der Städte und die Wohnungsnot zwischen den Weltkriegen für viele Architekten impulsgebend, um neue Lösungen für den Wohnungsbau zu finden.

Mittel der industriellen Produktion sollten der Gesellschaft dienen, die optimale Ausnutzung kleinster Flächen entsprach dem Gedanken einer konstruktiven Ökonomie. Daraus resultierte eine karge Formensprache. Ornament galt hingegen als verschwenderisch. Moderne Ästhetik verband sich so mit sozialem Anspruch.

Vor dem Hintergrund der Lebensreformbewegungen galt es zudem, den Bedürfnissen der Menschen nach Licht und Luft auch in der Architektur nachzukommen. Ungleich der dunklen, reich dekorierten Interieurs des Wilhelminischen Zeitalters wurden Wohnräume nun funktional, offen und hell.

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Das „Haus auf der Alb“

Panoramaansicht des Hauses auf der Alb, 1930. Foto: Sammlung Holder, Haus der Geschichte

Ein gelungenes Beispiel des „Neuen Bauens“ ist das 1930 als Kaufmannserholungsheim fertiggestellte „Haus auf der Alb“ in Bad Urach.

Der Architekt, Professor für Innenarchitektur und Möbelbauer Gustav Adolf Schneck gewann den von der Deutschen Gesellschaft für Kaufmannserholungsheime (DGK) ausgelobten Wettbewerb für ein „Ferienheim für Handel und Industrie“. Die hochrangige Jurybesetzung mit den Stadtbaudirektoren von Köln und Frankfurt am Main sowie Paul Bonatz von der Technischen Hochschule in Stuttgart machte deutlich, dass es sich um ein herausragendes Projekt modernen Bauens handeln sollte.

Schneck gehörte neben Otto E. Oßwald und Richard Döcker zu einer kleinen Gruppe württembergischer Architekten, die in den 1920er-Jahren die Entwicklung des „Neuen Bauens“ voranbrachten. Bereits 1927 realisierte Schneck zwei Musterhäuser der vom Deutschen Werkbund ausgehenden und stilprägenden Stuttgarter Weißenhofsiedlung. Selbst Mitglied der württembergischen Arbeitsgemeinschaft des Deutschen Werkbundes, vertrat Schneck die Vorstellungen des neuen Baustils.

Weiterführender Link:
  • Das Haus auf der Alb im Rohbau, 1929/30. Quelle: ArchMTUM schne 11-1008

    Die Maxime „Öffnung, Licht und Luft“ fand ihre Umsetzung auch im „Haus auf der Alb“, dem architektonischen Hauptwerk Gustav Adolf Schnecks. In Zusammenarbeit mit dem Bauherren Dr. Georg Goldstein, dem Direktor der DGK, überarbeitete Schneck die ersten Entwürfe. Für die konkrete Realisierung sicherte er sich die Mitarbeit des Architekten Nußbaum, einem erfahrenen Praktiker, der mit der Arbeit auf Großbaustellen vertraut war. Schon die Gesamtanlage des Gebäudes verweist auf das moderne Prinzip „form follows function“, das der US-amerikanischen Architekt Louis H. Sullivan 1896 formuliert hatte. Gemeint sind hiermit funktionelle Notwendigkeiten, die die Einteilung des Raumes bestimmen.

    Weiterführender Link:
  • Gesamtansicht des „Hauses auf der Alb“, 1929/30. Quelle: ArchMTUM schne 11-1009

    Das „Haus auf der Alb“ ist in vier unterschiedliche Baukörper gegliedert. Als verbindendes Element dieser Gebäudeteile steht das turmartige Haupttreppenhaus im Zentrum. Seitlich davon schließen sich jeweils im stumpfen Winkel die nach ihrer Funktion deutlich getrennten Flügel des Hauses an: östlich der sechzig Meter lange, viergeschossige Haupttrakt mit den Gästezimmern; westliche der zweigeschossige Flügel mit Küche, Wirtschafts- und Personalräumen. Der vierte, flache Trakt der Gemeinschaftsräume ruht auf Pfeilern und weist zur Talseite. Nicht allein die formale Strenge, das Flachdach, der kubische Aufbau aus geometrischen, nicht organischen Elementen und der rigorose Verzicht auf dekorativ Ornamentales kennzeichnen das Gebäude als Beispiel des „Neuen Bauens“.

  • Blick auf den zentralen Treppenturm des „Hauses auf der Alb“, 1929/30. Quelle: ArchMTUM schne 11-1014

    Auch die weiße Fassade, die Form und Farbe zu einer Einheit verbindet, und die serielle Anordnung einzelner Elemente wie Fenster und Türen sowie die großzügige Verwendung von Glasflächen sind charakteristisch. Die an Le Corbusier angelehnten mehrteiligen Fensterbänder, der Dachgarten des zentralen Treppenturms sowie die bandartigen, durchgehenden Balkons in jeder Etage des langen Wohntraktes stehen ebenso für den modernen Baustil wie die großflächige Terrasse, deren Grundfläche im Untergeschoss einen auskragenden, überdachten Außenbereich beschreibt.

  • Blick entlang des Wohntraktes, 1929/30. Quelle: ArchMTUM schne 11-1012

    Deren stützende Pfeiler sind sichtbar, entsprechend der fünf Prinzipien neuer Architektur nach Le Corbusiers. Sichtachsen und Durchblicke weiten den Raumeindruck und verbinden die verzahnten Gebäudeteile visuell im Innenbereich. Dort finden sich interessante Details wieder. So etwa der zur weißen Wandfarbe kontrastierende schwarze, formal reduzierte Handlauf des Treppengeländers oder die nach Raumfunktion differenzierte Fensterausbildung. Markant sind auch die Stahlfenster für die Treppenaufgänge, Holzfenster für die Personalräume sowie große Schiebefenster die für die Gemeinschaftsräume.

  • Zum Luft- und Lichtbad: die Terrasse am „Haus auf der Alb“, um 1930. Quelle: ArchMTUM schne 11-1018

    Abgesehen von den formalen Kennzeichen des „Neuen Bauens“ bedachte Schneck von Beginn an vor allem auch den sozialen Aspekt eines Gebäudes, das doch vor allem der Erholung dienen sollte. Gemäß den reformerischen Ideen der 1920er-Jahre diente das offene Untergeschoß ursprünglich als Gymnastikhalle. An den Terrassenbereich schlossen sich Liegewiese und Außenschwimmbecken an.

  • Eine der Attraktionen am „Haus auf der Alb“: das Schwimmbad (um 1930). Quelle: ArchMTUM schne 11-1017

    Schneck dachte an die positive Auswirkung der Umgebung und der Räume auf jeden einzelnen Gast. Jeder Besucher des „Hauses auf der Alb“ sollte die schöne Umgebung genießen und „vom eigenen Zimmer aus in frischer Luft und heilbringender Sonne baden können“, so Schneck. Auch betonte der Architekt die Gleichwertigkeit aller Zimmer: „Alle nach der besten Richtung und Lage der Sonne und dem weiten Tale zu. Die Männer und Frauen der Arbeit sollen sich hier einmal wohlfühlen und die sozialen Unterschiede vergessen können.“

  • Harmonisch in die Landschaft eingegliedert … Quelle: ArchMTUM schne 11-1005

    Als Vertreter des „Neuen Bauens“ in Württemberg galt Gustav Adolf Schneck der zeitgenössischen Fachkritik jedoch nicht als kompromissloser Avantgardist. Verglichen mit provozierenden Bauten der modernen Formensprache standen seine Arbeiten für „gediegene Qualitätsarbeit“ und als Beweis „fortschrittlicher, architektonischer und künstlerischer Gesinnung“. Die Gesamtkomposition des Gebäudes gleicht einer Skulptur in der Landschaft und provoziert damit den Gedanken an das vom Bauhaus propagierte Gesamtkunstwerk.

  • Streitpunkt Flachdach: Das „Haus auf der Alb“ von oben, um 1930. Quelle: ArchMTUM schne 11-1004

    Schneck organisierte diese Baumassen als räumliche Plastik aber nicht zuletzt aufgrund der örtlichen Begebenheiten. Der Baugrund befand sich an einer Hanglage und erstreckte sich weitläufig parallel zum Hang. So lag ihm, anders als von Avantgardisten wie Theo van Doesburg gefordert, durchaus an einer harmonischen Eingliederung in die vorgegebene Landschaft. So schmiegt sich das langgezogene „Haus auf der Alb“ sanft an die Biegung des Hanges auf dem Hochplateau „Schänzle“ über Bad Urach. Dennoch galt – und gilt – der offensichtliche Kontrast des präzise konstruierten, gleißenden Baukörpers zur sanften Alblandschaft gerade Fachleuten als besonderer Reiz.

Lob und Ablehnung

Die moderne Architektur von Gustav Adolfs Schnecks architektonischem Hauptwerk wurde bereits zur Zeit seiner Entstehung vielfach lobend beachtet und zugleich aus Kreisen der schwäbischen „Heimatpflege“ abgelehnt.

Das „Haus auf der Alb“ ist nicht zuletzt auch vor dem Hintergrund eines grundsätzlichen ideologischen Streits zwischen Befürwortern des modernen Flachdachs und Verteidigern des „traditionellen“, vermeintlich „deutschen“ Satteldachs zu sehen. Hier standen sich in einem „Glaubenskrieg“ der Architekten und Handwerker Konservative und Avantgardisten unversöhnlich gegenüber. Für die Kritiker war das Flachdach ein „funktionaler Albtraum“, weil man wichtigen Speicherraum verlor und Probleme mit Wärmedämmung und Entwässerung hatte. Für die Befürworter war das Flachdach die Konsequenz ihrer ästhetischen Vorstellungen des „Neuen Bauens“: einfach herzustellen, billiger und funktionaler.

In den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg geriet das Gebäude unter architekturhistorischen Gesichtspunkten in Vergessenheit. Oftmals wurde sachlich, karge Architektur als reiner Zweckbau abgetan, und so stand auch das „Haus auf der Alb“ dem Abriss nahe.

Erst 1981 veranlasste die Außenstelle des Tübinger Landesdenkmalamtes, das Gebäude als Kulturdenkmal von besonderer Bedeutung ins Denkmalbuch einzutragen.

Von 1989 bis 1992 wurde das Haus durch den Nürtinger Architekten Hellmut Kuby zum Tagungszentrum der Landeszentrale für politische Bildung umgebaut.

1992 wurde das Werk Kubys von der Architektenkammer Baden-Württemberg mit dem Prädikat „Auszeichnung für beispielhaftes Bauen“ im Kreis Reutlingen gewürdigt.

1993 erhielt das Haus vom Bund Deutscher Architekten (BDA), Landesverband Baden-Württemberg, eine „Auszeichnung guter Bauten“.

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Autorin: Jutta Fischer, Metzingen / Aufbereitung für das Netz: Internetredaktion der LpB (Stand: Juli 2019)

 

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