Goldstein und die Kaufmannserholungsheime

Teil zwei seiner Biographie (1877–1943)

Dr. Georg Goldstein, aufgenommen wahrscheinlich in seinem Büro der DGK in Wiesbaden, Anfang der 1930er-Jahre. (Quelle: privat)

Der zweite Teil der Biographie befasst sich mit der Gründung und Zielsetzung der Deutschen Gesellschaft für Kaufmannserholungsheime (DGK) sowie mit der Bedeutung Goldsteins für die DGK.

Die anderen Stationen seines Lebens behandeln die Themen:

Gründung und Zielsetzung der DGK

Kommerzienrat Joseph Baum. Undatierte Zeichnung von Adolf Presber.

Der in Wiesbaden vielfältig für wohltätige Zwecke engagierte Kommerzienrat Baum hatte mit seiner Veröffentlichung auf die zahlreichen Missstände reagiert, unter denen Kaufleute und insbesondere kaufmännische Angestellte in Industrie und Handel im Zuge der Industrialisierung zu leiden hatten.

Die Rede ist dort von typischen Erkrankungen unter den einfachen Büroangestellten – Haltungsschäden, Augenleiden, den Nervenentzündungen der Stenotypistinnen und „Maschinenschreiberinnen“, von Erschöpfungssyndromen angesichts fehlender verbindlicher Regelungen der täglichen und wöchentlichen Arbeitszeiten, der noch weit verbreiteten Samstags- und Sonntagsarbeit.

Auch beklagt der Verfasser mehrfach speziell die Lage der gering bezahlten weiblichen Angestellten. Diesen Umständen wollte Baum zunächst ein bezahlbares Urlaubsangebot insbesondere für die einfachen kaufmännischen und technischen Angestellten in Handel und Industrie entgegensetzen – und zwar „ohne Rücksicht auf das religiöse Bekenntnis, auf die Zugehörigkeit zu einer politischen Partei oder zu irgendeiner Vereinigung“, was zu jener Zeit mitnichten selbstverständlich, ja schlicht ungewöhnlich war.

Baum hatte die Vision, ein Netz von „Kaufmannserholungsheimen“ zu schaffen, kein „Wohlfahrtsunternehmen“ indessen, sondern eine „Selbsthilfe des Standes“. Von der Verwirklichung seiner Gedanken versprach sich Baum „einen wesentlichen Fortschritt in sozialer Hinsicht [...], einen Fortschritt, der, auf friedlichem Wege errungen, auch ein Werkzeug des sozialen Friedens wäre“.

Eine Begegnung Goldsteins mit Baum 1912 hatte zur Folge, dass er im selben Jahr nach Wiesbaden übersiedelte und zum Direktor des DGK berufen wurde, deren erfolgreiche Entwicklung er unter wechselnden Präsidien bis zu seiner Entlassung 1933 entscheidend prägen sollte.

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Goldsteins sozialpolitische Motive

Georg Goldstein am Rednerpult auf der Terrasse bei der Einweihung des „Hauses auf der Alb“ am 27. Juli 1930. Sammlung Holder, Haus der Geschichte

In seiner Rede anlässlich der Einweihung des „Hauses auf der Alb“ am 27. Juli 1930 beschwor der Bauherr Goldstein in seiner großen Festrede den Geist des bereits 1917 verstorbenen DGK-Gründers Baum und resümierte, dass die Gründe, weshalb 1911 die DGK ins Leben gerufen worden war, „heute in gleichem Maße“ fortbestünden.

Mit Hinweisen auf entsprechende Arbeitsbedingungen, Wohn- und Lebensverhältnisse, auch auf das „Eindringen der Maschinenarbeit in den Büros“ [der Großbetriebe] wurde ein tendenziell inhumanes Szenario gezeichnet. Dass sich durch die drastische Zunahme der Zahl der Angestellten ein Strukturwandel im Sinne eines „downgradings“ bei einem großen Teil gerade dieser Arbeitnehmergruppe abzeichnete, nachgerade eine „Proletarisierung der Angestellten“ (Siegfried Kracauer) im Gang war, wurde Mitte der Zwanzigerjahre auch von anderen hellsichtigen Analysten gesehen.

Es sind von Beginn an zwei Motivstränge, die Baum, die Gesellschaft und eben insbesondere Goldstein verfolgten: Der erste könnte unter der Leitidee „Soziale Ausgaben sind produktive Ausgaben“ stehen – und zwar sowohl für die Industriegesellschaft als Ganzes wie eben auch für das einzelne Unternehmen.

Das Credo des Ökonomen Goldstein, „Menschenökonomie müssen wir treiben und Gegengewichte schaffen gegen die Gefahren körperlicher und geistiger Art, aber auch seelischer Art [...]“ , liest sich vor dem skizzierten Hintergrund bereits wie eine Vorwegnahme der Topoi moderner Grundkonzeptionen einer gestaltungsorientierten, gesellschaftlich verantwortlichen Betriebswirtschaftslehre, etwa des „Human Concept“ oder des Konzepts der Arbeitsorientierten Einzelwirtschaftslehre, unter Wirtschaftswissenschaftlern ab den Siebzigerjahren des 20. Jahrhunderts diskutiert.

So intendiert das „Human Concept“ eine grundlegende, qualitative Änderung des Zielsystems der Unternehmungen, indem diese in viel stärkerem Maße und systematisch sowie nachhaltig humanitäre Ziele aufnehmen sollten. Dabei versuchte diese Schule einen funktionalen Zusammenhang nachzuweisen zwischen der Berücksichtigung humanitärer Komponenten im Zielsystem von Unternehmungen und deren langfristigem Überleben, ja dem Überleben marktwirtschaftlicher Wirtschaftssysteme überhaupt.

Neben diesem eher sozialen, auch unternehmenspolitischen Ansatz zielt Goldsteins Vision aber höher hinaus:

Die Häuser der Gesellschaft sollen den „sozialen Frieden innerhalb der beiden großen Gruppen des Kaufmannsstandes [also den Selbständigen und den abhängig beschäftigten Angestellten] festigen. Dieses zweite, über den rein sozialen Ansatz hinausgehende Motiv war für Goldstein offensichtlich sogar das dominierende, hatte für ihn gar das Potenzial, eine „Änderung [...] unserer Wirtschaftsordnung möglich zu machen“.

In seiner großen Festrede anlässlich der Einweihung in Urach beklagte der Bauherr die „unsichtbaren Schützengräben“, die sich durch Deutschland zögen. „In den einen liegen die Unternehmer und in den anderen, ihnen gegenüber, die Angestellten! Und sind diese Schützengräben nicht verbarrikadiert mit dem Stacheldraht des Misstrauens und des Sich-nicht-verstehen-wollens?“, so Goldsteins rhetorische Frage. Weiter warnte der Redner vor einem „unhistorischen Zurückfallen in die heute überwundenen Gedankengänge des wirtschaftlichen Liberalismus auf sozialem Gebiet, in die Gedankengänge des laisser faire, laisser aller“.

Solche Sätze verdienen in Anbetracht einer eskalierenden ökonomischen und sozialen Krise, die sich zur Weltwirtschaftskrise auswachsen sollte, besondere Aufmerksamkeit. Bekanntlich warben die Nationalsozialisten besonders erfolgreich im Stimmenreservoir des „kleinen Mittelstandes“, der materiell wie vor allem mental von der um sich greifenden Krise besonders getroffen wurde.

Während die Arbeiterschaft (noch) auf ihre Organisationen bauen konnte, wählten überproportional viele kaufmännische Angestellte mit den Nationalsozialisten einen scheinbaren „Ausweg“. Organisationen und Aktivitäten wie die der DGK dürfen hier als ein – freilich bescheidenes und in ihrer Wirksamkeit begrenztes – Korrektiv angesehen werden. Dennoch bleibt es ein Verdienst Goldsteins, diese Problemlage Ende der Zwanzigerjahre treffend analysiert und daraus praktische Konsequenzen gezogen zu haben.

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Goldsteins Bedeutung für die Entwicklung der DGK und das Bauvorhaben in Urach

Unter Goldsteins Leitung wurden 43 große Häuser gekauft oder – so wie im Falle Urachs – neu erbaut, womit bis 1930 etwa 5.050 Betten verfügbar waren, die allein in diesem Jahr von 43.589 Gästen an 723.001 Verpflegungstagen belegt wurden.

Dabei handelt es sich ausnahmslos um Häuser in pittoresken Lagen und an überwiegend renommierten, über ganz Deutschland verteilten Standorten. Da ein solches Investitionsvolumen nicht mit Mitgliedsbeiträgen zu stemmen war, akquirierte Goldstein ab 1913 Stiftungskapital in beträchtlichem Umfang.

Die Geber großer Beträge handelten sich dafür zum Teil freie Verpflegungstage für ihre Angestellten in Heimen ihrer Wahl ein. Dass man dabei freilich auch „recht häufig vergeblich angeklopft“ habe, räumte Goldstein sogar in seiner Einweihungsrede für das Haus auf der Alb unumwunden ein. Er bedauert solche Unternehmer, die dabei nur auf den pekunären „Nutzen“ schielten. „Dies hieße auch viele unserer Stifter herab[zu]würdigen, die uns ihre Hilfe schenken aus sozialem Verantwortungsgefühl heraus, in dem Bewusstsein, dass Besitz verpflichtet und dass man das Gute tun soll um des Guten willen.“

Mancherorts sah man in der Ansiedelung eines Hauses der DGK auch einen Impuls für den heimischen Tourismus. Bereits im ersten Jahr nach der Gründung der DGK suchte auch die Stadt Urach Kontakt zur Gesellschaft. Man hatte, so ein Stadtratsbeschluss, einen „unentgeltlichen Bauplatz in schöner Lage am Waldessaum oder im Walde“ anzubieten.

Die Vision Baums und Goldsteins hatte auch in Württemberg schnell namhafte Unterstützer gefunden: Der in sozialen Fragen ohnehin sensible Robert Bosch, seinerzeit immerhin Vorsitzender des Verbandes Württembergischer Industrieller, oder auch Kommerzienrat Eduard Breuninger gehörten zu den prominenten, vielfältig aktiven Förderern. Vor Ort in Urach etwa engagierten sich maßgeblich der Textilfabrikant und Uracher Ehrenbürger Robert Kempel sowie Schultheiß August Eberle für das Projekt oben auf dem „Schänzle“. Man lockte auch mit Infrastrukturinvestitionen in beträchtlichem Ausmaß sowie einem erklecklichen Baukostenzuschuss. Das Baugelände selbst wurde von der Stadt erworben und der Gesellschaft kostenlos zur Verfügung gestellt; die Familie Kempel hatte dazu einige Parzellen aus dem eigenen Besitz gestiftet. So konnte man das Rennen vor immerhin 45 Mitbewerbern allein aus Württemberg gewinnen.

Kommerzienrat Robert Kempel. Undatierte Fotografie.

Insbesondere Kempel und Goldstein unterhielten bereits in der ersten Planungsphase, also ab Mitte 1916, einen engen, von gegenseitiger Wertschätzung geprägten regelmäßigen Briefkontakt, sicher auch befördert durch den Umstand, dass Kempel seit Dezember 1916 als Mitglied des „Württembergischen Ehrenausschusses“ der DGK fungierte.

Das Königspaar bei der Grundsteinlegung des „Wilhelm-Charlotte-Heims“ am 10. September 1916. Sammlung Holder, Haus der Geschichte

Mitten im Krieg, am 10. September 1916, wurde in Anwesenheit des württembergischen Königspaares die Grundsteinlegung des Wilhelm-Charlotte-Heims gefeiert. König Wilhelm II. von Württemberg war von der DGK im Einvernehmen mit den im Württembergischen Handelskammertag zusammengeschlossenen Handelskammern die Schirmherrschaft über das geplante Bauwerk angetragen worden. Die im Falle Urachs innerhalb kurzer Zeit vor allem in der württembergischen Wirtschaft gesammelten 850.000 Reichsmark wurden als „eine erste Morgengabe von Industrie und Handel [...] zu dem bevorstehenden [fünfzehnjährigen] Regierungsjubiläum“ des Königs verstanden. „Ein Teil“ des Geldes war indessen „durch die von Stiftern ausbedungenen Bezugsrechte für ihre Angestellten ‚gebunden’“. Architekt Martin Elsässer reichte die endgültigen Pläne im Januar 1918 im Uracher Bauamt ein, empfahl indessen „mit der Inangriffnahme der Arbeiten bis Friedensschluss zu warten“. Daraus sollte ein längerer Aufschub werden. Die Inflation vernichtete das für Urach eingeplante Stiftungskapital in Höhe von über 700.000 Mark; auch wurden andere Projekte vorgezogen.

So hätte das Haus auf dem „Schänzle“ ausgesehen, wäre es bereits 1916 gebaut worden. Federzeichnung des Stuttgarter Architekten Martin Elsässer.

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Der zweite Teil der Biographie befasst sich mit der Gründung und Zielsetzung der Deutschen Gesellschaft für Kaufmannserholungsheime (DGK) sowie mit der Bedeutung Goldsteins für die DGK.

Die anderen Stationen seines Lebens behandeln die Themen:

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Autor: Hans-Peter Kuhnle, Neuffen / Aufbereitung für das Netz: Internetredaktion der LpB (Stand: Juli 2019)

 

SWR2-Reportage

 

100 Jahre Bauhaus
Ein Bauhaus-Schiff auf der Alb
3:51 min | 9.4. | 12.33 Uhr | SWR2 Journal am Mittag | SWR2
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