Deutsche Gesellschaft für Kaufmannserholungsheime (DGK)

Briefkopf der DGK aus dem Jahr 1925.

Gründung der DGK

Die in Wiesbaden ansässige Deutsche Gesellschaft für Kaufmannserholungsheime (DGK, 1916 um den Zusatz „Ferienheime für Handel und Industrie“ ergänzt) wurde im Dezember 1910 von dem Wiesbadener Textilindustriellen Joseph Baum (1874–1917) gegründet.

Zweck des gemeinnützigen Wohlfahrtsunternehmens war es, kaufmännischen und technischen Angestellten aus Handel und Industrie sowie „weniger bemittelten“ selbstständigen Kaufleuten „für ein geringes Entgelt, das den Verbrauch zuhause nicht nennenswert übersteigt, alljährlich oder wenigstens in Pausen von wenigen Jahren“ einen Ferienaufenthalt oder eine Badekur zu ermöglichen.

Dabei sollten die Erholungssuchenden in der Auswahl der Unterkünfte nicht beschränkt sein und aus den attraktivsten Erholungsregionen Deutschlands wählen können: vom Hochgebirge bis zur Nord- und Ostsee. So sollte den durch Industrialisierung und Verstädterung bedingten sozialen und gesundheitlichen Belastungen der Angestellten in Handel und Industrie begegnet werden und eine „Erholungs- und Stärkungspause in dem Nerven, Geist und Körper zerrüttenden Berufsleben“ ermöglicht werden.

Der Wiesbadener Textilindustrielle Joseph Baum gründete 1910/11 die DGK.

Als Mitglieder der DGK wurden kaufmännische und industrielle Unternehmen aufgenommen, denen im Gegenzug das Recht eingeräumt wurde, ihren männlichen und weiblichen Angestellten und deren nächsten Angehörigen kostenlos oder zu „mäßigen Verpflegungssätzen“ einen Aufenthalt in einem Erholungsheim bieten zu können. In aller Regel war der Erholungsurlaub auf maximal drei Wochen begrenzt.

In die DGK wurden aber auch einzelne Angestellte aufgenommen, die sich aufgrund ihrer wirtschaftlichen Verhältnisse keinen gleichwertigen Ferienaufenthalt außerhalb der Heime leisten konnten. Ein zentraler Gedanke war es, eine Lücke im sozialen Fürsorgesystem des Kaiserreiches zu schließen. Bereits in den Jahren zuvor waren Erholungsheime anderer Berufsvereinigungen entstanden – für Arbeiter, Lehrer, städtische Beamte und Angestellte, Eisenbahnangestellte, Seeleute, Soldaten, Feuerwehrleute usw. Nun sollte auch das neu entstandene „Millionenheer kaufmännischer Angestellter und minderbemittelter selbstständiger Kaufleute“ vorbeugend vor dem „Verlust der Gesundheit und der Arbeitskraft“ geschützt werden, wie es in einem vielbeachteten Aufruf der DGK im April 1911 hieß.

Die Vision der Gründer war ein umfassender Selbsthilfeverband ohne Rücksicht auf religiöse, weltanschauliche oder politische Bekenntnisse. Innerhalb weniger Jahre gelang es der DGK, die Zahl ihrer Heime kontinuierlich auszubauen. Wesentliche Unterstützung erfolgte dabei durch den Deutschen Verband Kaufmännischer Vereine, dem Dachverband von weit über hundert kaufmännischen Selbsthilfevereinen im Deutschen Reich.

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Dynamische Entwicklung und Erster Weltkrieg

Karte des Deutschen Reiches im Jahr 1930 mit eingezeichneten Orten, an denen die DGK Erholungsheime unterhielt.

In aller Regel wurden die Heime der DGK auf Grundstücken gebaut, die entweder den jeweiligen Gemeinden gehörten oder die der DGK kostenfrei überlassen wurden. Vor dem Ersten Weltkrieg waren es fünf Heime in Deutschland, die knapp 4000 Gäste betreuten. Im Jahr 1919 waren es bereits neun Heime mit über 7000 Gästen. Während des Ersten Weltkriegs wurden in über zehn Erholungsheimen der DGK, die nun als Lazarette dienten, weit mehr als 10.000 Kriegsverletzte versorgt. 1922 wurde die Gesellschaft zum eingetragenen Verein und umbenannt in „Ferienheime für Handel und Industrie, Deutsche Gesellschaft für Kaufmannserholungsheime e. V.“. Bis 1930 entwickelte sich der Verein zum Besitzer von 43 Erholungsheimen mit 6000 Gastbetten und mehr als 43.000 Gästen pro Jahr (rund 700.000 Verpflegungstage).

Die Heime wurden möglichst gleichmäßig über Deutschland verteilt und sollten so von jeder deutschen Großstadt aus ohne größere Reisekosten erreichbar sein. Besondere Rücksicht wurde auf die Heil- und Erholungsfaktoren Deutschlands genommen: das Meer, die Gebirge und die Heilbadeorte. Eines der Erholungsheime lag sogar im schweizerischen Beatenberg.

Charakteristisch war der Anspruch, Erholungsurlaub unter „Fernhaltung von überflüssigem Luxus“ bei gleichzeitig „behaglicher und neuzeitlicher“ Einrichtung zu bieten. Im heutigen Baden-Württemberg waren es das 1914 angekaufte und im Zweiten Weltkrieg völlig zerstörte Friedrich-Hilda-Heim auf der Bühler Höhe im Schwarzwald, das 1923 gepachtete Rudolf-Sophien-Stift im Stuttgarter Süden, das 1925 angekaufte Kurhaus Bad Boll (heute Bonndorf) in der Wutachschlucht im südlichen Schwarzwald (1945 schwer zerstört, 1960 verkauft und 1992/93 bis auf die Badkapelle komplett abgerissen), ein zwischen 1924 und 1929 gepachtetes Heim in Bad Teinach, das 1929/30 in Eigenregie neu erbaute „Haus auf der Alb“ in Bad Urach sowie schließlich das 1953 angekaufte traditionsreiche „Hotel Winter“ in Heiligenberg (Bodenseekreis), das nun „Haus Hohenstein“ hieß.

Als besonderer Vorzug des „Hauses auf der Alb“ wurde von der DGK neben der idyllischen Lage oberhalb Urachs die Tatsache gepriesen, dass die Erholungssuchenden hier in einem besonderen Gästetrakt, getrennt von den Gesellschafts- und Wirtschaftsräumen, untergebracht waren, so dass „größtmögliche Ruhe für die Gäste verbürgt ist“. Besonderer Wert wurde für die 120 Gäste im „Haus auf der Alb“ auch auf „Belichtung, Besonnung und Lüftung“ gelegt. Im April 1935 lag im „Haus auf der Alb“, das zur mittleren Preisgruppe der DGK-Heime gehörte, der Tagessatz für einen Gast beim 3,60 Reichsmark (zum Vergleich: 1935 betrug das Durchschnitteinkommen von sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in Deutschland ca. 150 Reichsmark pro Monat).

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Im „Dritten Reich“

Dr. Georg Goldstein, Direktor der DGK von 1912 bis zur Machtübernahme der Nationalsozialisten im Jahr 1933.

Nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten wurde der seit 1912 amtierende Direktor der DGK, Dr. Georg Goldstein, im Juni 1933 aus seiner Position gedrängt, weil er jüdischen Glaubens war.

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Die DGK wurde der NS-Organisation „Kraft durch Freude“ (KdF), einer Unterorganisation der „Deutschen Arbeitsfront“ (DAF), zwangsweise eingegliedert. Aufgabe der KdF war es, die Freizeit der Bevölkerung im NS-Staat zu gestalten, zu überwachen und „gleichzuschalten“. Die KdF gilt als die massenwirksamste und populärste NS-Organisation. Vor allem das KdF-Amt „Reisen, Wandern und Urlaub“ erwirtschaftete einen Großteil des Umsatzes der KdF. Günstige Reisen und Erholungsurlaube wurden nun von der NS-Propaganda als „Geschenk des Führers“ gepriesen. Die Präsidenten der DGK wurden nun von der „Deutschen Arbeitsfront“ ernannt, die unter anderem über das gesamte enteignete sozialdemokratische und freigewerkschaftliche Vermögen und faktisch auch über das der übrigen Arbeitnehmerverbände verfügte.

Werbeaufruf DGK. Werbung der Ferienheime für Handel und Industrie aus dem Jahr 1934.

Durch den sogenannten „Anschluss“ im Jahr 1938 erweiterte die DGK ihre Tätigkeiten auch auf Österreich. Mit Ausbruch des Zweiten Weltkriegs wurden jedoch viele der Heime ihrem eigentlichen Zweck entfremdet und dienten nun als Lazarette und Zivilkrankenhäuser bzw. am Ende des Weltkriegs und in der unmittelbaren Nachkriegszeit für die Unterbringung von Besatzungstruppen und Heimatvertriebenen. Von 48 Häusern waren 1945 nur noch zehn als Erholungsheime in Betrieb. Viele Neuerwerbungen der DGK und alle Heime in Österreich sowie in der nun sowjetisch besetzten Zone gingen der Gesellschaft verloren.

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Nachkriegszeit

Gäste im Erholungsheim „Haus auf der Alb“, 1954

Nach 1945 konnten die teilweise zerstörten, beschlagnahmten oder zweckentfremdeten Erholungsheime der DGK nach und nach wieder in Betrieb genommen werden. 1946 standen dem nun in „Deutsche Gesellschaft für Kaufmannserholungsheime, Kur- und Genesungsheime für Handel und Industrie e. V.“ umbenannten Verein nur bescheidene 90 Betten in zwei Erholungsheimen zur Verfügung.

Ein steiler Aufstieg setzte mit der Währungsreform 1948 und dem sogenannten „Wirtschaftswunder“ der 1950er-Jahre ein. Auch das „Haus auf der Alb“ wurde 1950 wieder mit 120 Betten voll in Betrieb genommen, nachdem es zwischen November 1939 und Mai 1945 als Lazarett und bis 1950 in unterschiedlicher Nutzung gestanden hatte. Auch das kriegszerstörte Erholungsheim auf dem Bühler Höhengebiet im Schwarzwald wurde 1954 nach einem Neubau auf demselben Grundstück wieder eröffnet.

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Bereits zu Beginn der 1960er-Jahre hatte die DGK mehr als 2000 Firmen und rund 6000 Angestellte als Mitglieder. Pro Jahr konnte die Gesellschaft in 31 Erholungsheimen etwa 30.000 Gäste beherbergen, was in etwa dem Vorkriegsniveau entsprach. Sie war damit das größte vom Staat und den großen Wohlfahrtverbänden unabhängige Sozialwerk in der Bundesrepublik. Neu war auch die Einrichtung spezieller Erholungsheime für Jugendliche im Alter von 16 bis 25 Jahren sowie von Vorsorgeheimen, in denen gezielt einer frühzeitigen Arbeitsunfähigkeit vorgebeugt werden sollte.

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Wirtschaftliche Probleme

Außenansicht Haus auf der Alb. ©Bildarchiv Foto Marburg / Foto: Rose Hajdu

Erst der einsetzende Massentourismus der 1960er-Jahre ließ die Nachfrage zurückgehen und brachte die nun verkürzt heißende „Deutsche Gesellschaft für Kur- und Erholungsheime für Handel und Industrie e. V.“ in finanzielle Schwierigkeiten. Schließlich verlor die DGK die Gemeinnützigkeit und wurde als Verein mit wirtschaftlichen Zielen unter dem Namen „Europäische Gesellschaft für Kur und Erholung“ wiederbegründet.

Weder die Modernisierungen der Erholungsheime noch die Profilierung der Angebote konnten schließlich den sukzessiven Verkauf der Erholungsheime verhindern. Ein Teil des Vermögens der DGK konnte in die „Stiftung Kaufmannserholungsheime“ mit Sitz in Wiesbaden überführt werden, die noch heute in den Bereichen Kunst und Kultur sowie Jugend- und Altenhilfe tätig ist.

Auch im „Haus auf der Alb“, das nach 1950 grundlegend saniert worden war, musste 1974 der Betrieb eingestellt werden. Das Haus wurde verpachtet und verfiel zusehends. Manche der Erholungsheime der DGK dienen heute – wie das „Haus auf der Alb“ – als Bildungseinrichtungen.

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Autor: Prof. Dr. Reinhold Weber, LpB / Aufbereitung für das Netz: Internetredaktion der LpB (Stand: Juli 2019)

 

SWR2-Reportage

 

100 Jahre Bauhaus
Ein Bauhaus-Schiff auf der Alb
3:51 min | 9.4. | 12.33 Uhr | SWR2 Journal am Mittag | SWR2
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